Jahrelang war der Yunnan-Sichuan-Tibet-Highway für westliche Touristen gesperrt. Der Highway G318, wie er in China ganz unspektakulär genannt wird, soll zu eine der schönten Überlandstrecken in Asien, wenn nicht sogar der Welt, gehören. 2018 wurde die Strecke das erste mal zeitweise wieder für Touristen freigegeben...

Als Bekannte mich fragen, ob ich eine Tour von Yunnan überland nach Zentraltibet und weiter nach Nepal organisieren könne, bin ich "Feuer und Flamme". Ich mache mich sogleich an die Recherche und einige Zeit später ist klar, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach klappen würde - natürlich nur unter der Voraussetzung, das die Strecke nach einer ersten zeitweisen Öffnung in 2018 auch 2019 nach 10 Jahren wieder für westliche Touristen geöffnet wird - sie wird!

Die Planungen werden konkreter und nach intensiver weiterer Recherche werden die einzelnen Etappen der Reise festgelegt. Dann gibt es für mich kein langes Überlegen mehr! "Darf ich mich Euch anschließen?", lautet meine Frage! Ich darf - und so geht es einige Monate später endlich los.

Jahrelang war der Yunnan-Sichuan-Tibet-Highway für westliche Touristen gesperrt. Der Highway G318, wie er in China ganz unspektakulär genannt wird, soll zu eine der schönten Überlandstrecken in Asien, wenn nicht sogar der Welt, gehören. 2018 wurde die Strecke das erste mal zeitweise wieder für Touristen freigegeben...

Als Bekannte mich fragen, ob ich eine Tour von Yunnan überland nach Zentraltibet und weiter nach Nepal organisieren könne, bin ich "Feuer und Flamme". Ich mache mich sogleich an die Recherche und einige Zeit später ist klar, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach klappen würde - natürlich nur unter der Voraussetzung, das die Strecke nach einer ersten zeitweisen Öffnung in 2018 auch 2019 nach 10 Jahren wieder für westliche Touristen geöffnet wird - sie wird!

Die Planungen werden konkreter und nach intensiver weiterer Recherche werden die einzelnen Etappen der Reise festgelegt. Dann gibt es für mich kein langes Überlegen mehr! "Darf ich mich Euch anschließen?", lautet meine Frage! Ich darf - und so geht es einige Monate später endlich los.

1.-2. Tag: Anreise Frankfurt - Bangkok - Chengdu - Shangri La

Da ich noch zwei Tage mehr erübrigen kann habe ich mich entschlossen etwas früher anzureisen und mich schon mal auf eigene Faust in Shangri-La umzuschauen. Erst wenige Tage vor meiner Abreise habe ich nach fast drei Wochen Bearbeitungszeit und vielen Nachfragen endlich das chinesische Visum erhalten.

 

Die sinnvollste Flugverbindung erscheint uns mit Thai Airways, denn wir brauchen einen Gabelflug zurück ab Kathmandu in Nepal. Da ist die Air China ziemlich schnell aus dem „Rennen“, denn dann hätten wir von Kathmandu aus erst einmal wieder entgegen der Heimflug-Richtung nach Chengdu zurückfliegen müssen.

Per Zug geht es nach Frankfurt und mit Thai Airways in 10,5 Stunden und 10.500 Flug-Kilometern nach Bangkok. Die vier Stunden Umsteigezeit dort vergehen noch fast wie im Flug und schon sitze ich im Flieger nach Chengdu. Die Zeit dort bis zum Weiterflug nach Shangri-La ist allerdings mit sechs Stunden eine echte Herausforderung.

Die Einreiseformalitäten in Chengdu am Flughafen sind mit dem chinesischen Visum im Pass entgegen aller Befürchtungen völlig unbürokratisch. Nun gilt es noch zum Terminal 2 zu wechseln, denn der „domestic“ Airport von Chengdu ist etwa zwei Kilometer entfernt.

Ein netter Chinese zeigt mir den Weg zum Shuttle Bus, so dass ich in kaum fünf Minuten dort bin. Die Zeit bis zum Weiterflug zieht sich jetzt allerdings fast endlos. Inzwischen bin ich ziemlich müde - obwohl ich während der bisherigen Flüge einige Stunden schlafen konnte.

Nach Shangri-La, das bis 2001 Zhongdian hieß und dessen tibetischer Name Gyelthang lautet, ist es gottseidank nicht mehr weit. Der Flug dauert kaum eine Stunde. Die Zeit reicht gerade einmal zum Verteilen einer kleinen Flasche Wasser. Nach insgesamt 31 Stunden Reisezeit lande ich dort am späten Abend des zweiten Tages. Das Gepäck wartet schon auf dem Gepäckband als ich ankomme. Gottseidank werde ich abgeholt und so bin ich eine Viertelstunde später in meiner Unterkunft, dem Timeless Inn Gästehaus.

Nach einer Unterkunft wie dem Timeless Inn habe ich lange gesucht. Es liegt mitten in der tibetischen Altstadt Dukezong in Shangri-La und ist in einem traditionellen tibetischen Haus untergebracht. Das ganze Haus ist mit so viel Liebe zum Detail ausgestattet und dekoriert. Rose ist die gute Seele des Gästehauses, das sie gemeinsam mit ihrem tibetischen Freund führt. Schon die Begrüßung ist so herzlich - das hat wirklich etwas von einem „home away from home“.

Von der schönen Unterkunft nehme ich allerdings heute Abend nicht mehr viel wahr. Lediglich in meinem schön tibetisch eingerichteten Zimmer mache ich noch einige wenige Bilder. Dann freue ich mich nur noch auf mein Bett und ausgiebigen Schlaf.

3. Tag: Ein Anflug von Höhenkrankheit und Shangri La

Am Morgen wache ich mit einem ziemlichen „Brummschädel“ auf zu dem sich Übelkeit und Schwindel gesellt. Das fühlt sich wie erste Sympthome einer Höhenkrankheit an. Bisher hatte ich noch nie Probleme damit, ohne große Akklimatisierung auf einer Höhe von über 3.000 m zu landen. Das habe ich schon auf verschiedenen Reisen gemacht, z.B. wenn ich von Delhi nach Leh im nordindischen Himalaya in Ladakh oder auch von Kathmandu nach Lhasa in Tibet geflogen bin.

Aber ich habe wahrscheinlich die Anstrengung der langen Anreise unterschätzt und ganz offensichtlich reagiert mein Körper nun sehr viel empfindlicher, wenn direkt im Anschluss noch die große Höhe dazu kommt. Außerdem habe ich während der langen Reise wahrscheinlich einfach nur viel zu wenig getrunken, so dass mein Flüssigkeitshaushalt nun in der Höhe arg durcheinander gekommen ist.

Eigentlich ist das Frühstück für 8.30 Uhr vereinbart, aber das verlege ich erst einmal auf 11.30 Uhr. Rose besorgt mir einen großen Vorrat an Trinkwasser und dann verordne ich mir selbst Ruhe und viel trinken und das ganze in ständiger Wiederholung.

Zum späten Frühstück geht es schon ein um einiges besser. Nach einigen weiteren Stunden ruhen und trinken fühle ich mich schon fast wieder wie „neu“. Jetzt schaue ich mich erst einmal in aller Ruhe in Roses schönen Gästehaus ums. Es gibt schöne Sitzgelegenheiten und Aufenthaltsnischen, eine große Terrasse und auch der Frühstücksraum ist sehr gemütlich.

Gegen drei Uhr mache ich mich ganz gemütlich auf den Weg die tibetische Altstadt von Shangri-La zu erkunden. Eigentlich die Altstadt gar keine Altstadt mehr. Bei einem verheerenden Brand ist vor einigen Jahren ein Großteil der Altstadt abgebrannt. Die urigen tibetischen Häuser, die überwiegend aus Holz gebaut waren, wurden ganz schnell ein Opfer der Flammen. Inzwischen ist alles im alten Stil wieder aufgebaut worden.

Das alles ist sehr schön geworden, aber gleichzeitig auch recht touristisch. Es gibt fast viele Geschäfte mit Antiquitäten, Souvenirs, Restaurants oder sonstigem Dingen, die hauptsächlich Chinesen gerne mögen. Chinesische Touristen kommen sehr zahlreich hierher - westliche Reisende dagegen bisher noch sehr wenige.

Aber es gibt auch noch etwas abgelegenere Gassen, in denen es noch ein wenig ruhiger und authentischer zugeht. Hierher verirren sich sehr viel weniger Touristen und ein Teil des einheimischen Lebens spielt sich hier noch draußen im Freien ab.

Schon von weitem locken die goldenen Dächer des Guishan Tempels. Er liegt hoch auf einem Hügel, dem "Schildkrötenberg", über dem Zentrum der Altstadt von Dukezong. Zuerst spaziere ich aber einmal entlang der gemütlichen Gassen um den Hügel herum, um den Anblick von allen Seiten zu genießen.

Vom Guishan Park und dem Yueguang Platz steige ich dann im Schneckentempo die vielen Stufen hinauf zum Tempel. Das Treppensteigen ist in der Höhe momentan noch eine ziemliche Anstrengung und so komme ich nur langsam voran.

Der Ausblick von hier oben hinüber zu den weiteren Tempelgebäuden und über die Dächer der Altstadt von Dukezong ist fantastisch.

Von hier aus sind es nur wenige Schritte bis zur größten Gebetsmühle der Welt, die in strahlendem Gold weithin sichtbar über der Stadt leuchtet. Sie ist ganze 24 m hoch und 60 Tonnen schwer. Um sie in Bewegung zu setzen benötigt es den Einsatz von mindestens acht bis zehn Leuten.

Auf dem Rückweg zum Gästehaus stoße ich in einer Seitengasse zufällig auf ein Hinweisschild zum schönsten Aussichtsplatz für die größte Gebetsmühle. Der Weg führt bis kurz unterhalb der Gebetsmühle zu einen kleinen Platz, der mit einer Pergola geschmückt ist. Hier haben Gläubige tausende von Gebets-, Wunsch- und Liebeskärtchen aufgehängt, die im Wind flattern...

Als ich am frühen Abend zurück ins Timeless Inn komme, ist Mr. Wangchuk aus Lhasa mit zwei Jeeps und Fahrern schon angekommen. Er und die beiden Fahrer Sodo und Pemba begleiten mich und ab übermorgen uns sechs von nun an bis nach Lhasa.

Am Abend geht es zum Sifang Square. Abend für Abend treffen sich hier die Einheimischen zum gemeinsamen Tanzen zu traditioneller Musik. Jetzt am Wochenende ist richtig was los. Der Platz ist gut gefüllt und der Reigen bereits in vollem Gange. Jung und Alt tanzen und singen mit viel Begeisterung. Vor allem ist das keine Touristen-Veranstaltung sondern wirklich gelebte Kultur.

4. Tag: Shangri La und das Sumtseling Kloster

Wie verabredet kommen Wangchuk, Sodo und Pemba um kurz vor zehn, da wir gemeinsam noch einige Erledigungen machen wollen. Wir fahren zur Bank of China, um Geld zu tauschen und eine chinesische Mobilfunkkarte zu kaufen. Was ich allerdings vorher nicht wusste – mit normalen Mobilfunkkarten ist es in China nicht möglich ins Ausland zu telefonieren. Dafür benötigt man eine zusätzliche Genehmigung und die ist so ohne weiteres nicht möglich zu bekommen. Dann ziehe ich ins Songtsen Hotel um, wo ich ab heute Abend gemeinsam mit den Bekannten für zwei Nächte wohnen werde.

Das Songtsam Hotel liegt etwas außerhalb der Stadt direkt neben dem Ganden Sumtseling Kloster. Das Boutique Hotel hat gerade einmal 23 Zimmer und ist auch durch und durch im tibetischen Stil gebaut und dekoriert – eine wirklich schöne Unterkunft, wenn man sich mal etwas Besonderes gönnen möchte.

Sehr schön sind auch die verschiedenen Sitzecken im Hotelrestaurant und im Garten, wo man nach einem langen Besichtigungstag wunderbar sitzen und ein wenig ausspannen kann.

Den Nachmittag nutze ich, um das Sumtseliing Kloster und die Umgebung in aller Ruhe zu erkunden und Fotos zu machen. Die beste Sicht auf das Kloster hat man auf einem Spaziergang um den heiligen Lamuyangcuo See. Die goldenen Dächer der vielen Tempel strahlen in der Sonne um die Wette und spiegeln sich an mancher Stelle besonders schön im See.

Unterwegs steige ich auf einen Hügel, der stolz gekrönt ist von einem kleinen Chorten. Tausende von Gebetsfahnen flattern im Wind und bieten ein besonders schönes Bild vor dem See und dem Kloster.

Die gewaltige Klosteranlage liegt etwa 9 km außerhalb von Shangri-La. Eine Vielzahl verschiedener Tempel, Schreine und Mönchswohnungen verteilen sich auf einer Fläche von über 33 Hektar. Die festungsähnliche Bauweise erinnert an den Potala in Lhasa und gehört zum Orden der Gelbmützen. Mitte des 17. Jhd. wurde sie vom 5. Dalai Lama persönlich gegründet und geweiht. Das ursprüngliche Kloster wurde in der Kulturrevolution komplett zerstört und wurde wieder aufgebaut. Heute ist es wieder das größte tibetisch-buddhistische Kloster in Yunnan und eigentlich eine ganze Klosterstadt, die über 700 Mönche beherbergt. 146 Stufen führen hinauf zum Tempelvorplatz, der vor dem großen Haupttempel liegt.

 Auch ohne örtlichen Guide kann man sich problemlos das Klostergelände und die einzelnen Tempel anschauen. Das gemütliche Herumstreifen habe ich sehr genossen und vor allem mit viel Muße einige Impressionen der wunderbaren Tempelanlage einzufangen.

Am Abend um kurz nach neun treffe ich mich mit Wangchuk, Pemba und Sodo am Flughafen. Gemeinsam warten wir auf Gertrud, Lena, Gregor, Yilmaz und David. Dabei komme ich mit Pemba ins Gespräch, der recht gut Englisch spricht. Ich frage ihn, wo er so gut Englisch gelernt hat - in Indien, sagt er – in Dharamsala. Als junger Mann ist er 1991 im Alter von 15 Jahren mit einer Gruppe anderer junger Leute und einem Führer von Tibet nach Nepal geflüchtet – einmal quer über den Himalaya über einen hohen Pass und dann in der Nähe vom Mt. Everest angekommen.

Über die Route hatte ich schon viel gehört. U.a. hat seinerzeit Maria Blumencron einen sehr bewegenden Dokumentarfilm darüber gemacht und auch Dieter Glogowski hatte in einem seiner Dia-Vorträge darüber berichtet.

Pemba war allerdings nur zwei Jahre in Indien geblieben - war ein wenig herumgereist und hatte einige Zeit in Dharamsala studiert. Er hat es dann in Indien nicht mehr ausgehalten – es war dort viel zu warm und auch das Essen fand er ganz fürchterlich. „Das beste Essen gibt es in Tibet“ meinte er.

Ob es denn nicht ein Problem gewesen wäre wieder nach Tibet zurückzukehren, frage ich ihn. Oh ja, das war es. Aber das hatte er gerne auf sich genommen. Die ersten drei bis vier Jahren waren schlimm, sagte er, da stand er unter ziemlich strenger Überwachung. Dann wurde es immer besser. Das alles hat mich sehr berührt. Man liest und hört so viel über das Schicksal der Tibeter – aber es ist noch etwas ganz anderes, wenn ein solches Schicksal ein Gesicht bekommt.

Wir unterhalten uns noch eine Weile über die Situation in Tibet. Er freut sich zu hören, dass ich schon 1992 in Tibet war und Lhasa noch ein wenig ursprünglicher kennengelernt hatte. Nach einem zweiten Besuch in Lhasa 2006 bin ich jetzt auch sehr gespannt noch einmal dorthin zu kommen.

Dann kann ich endlich die Bekannten begrüßen und wir fahren gemeinsam zum Hotel.

5. Tag: Zhongdian

Unsere erste gemeinsame Besichtigung gilt dem Sumtseling Kloster. Wangchuk hat uns dafür einen örtlichen Reiseleiter besorgt. Tenzing Dorji spricht sehr gut Englisch und kennt sich sehr gut aus.

Tenzing zeigt uns im Kloster „Ecken“, die nur er als Einheimischer kennt und führt uns sogar zum Rinpoche, dem obersten Lama des Klosters. Wir dürfen in seinem Gebetsraum Platz nehmen und Tenzing übersetzt uns die freundlichen Worte des Rinpoche, der uns einen kleinen Einblick in die buddhistische Lehre gibt. Das ist eine Begegnung, die wir nicht so schnell vergessen werden. Sehr erstaunt sind wir als der Rinpoche uns erlaubt Fotos von ihm als Erinnerung an das Zusammentreffen zu machen. Sehr beeindruckt verlassen wir den Gebetsraum des Rinpoches. Aus der ursprünglich geplanten Stunde für den Besuch des Klosters sind so ganz schnell mehr als zwei geworden.

Deshalb begeben wir uns sogleich in die Altstadt von Dukezong, wo Tenzing uns ein kleines tibetisches Restaurant empfiehlt, in dem ganz hervorragend und sehr günstig speisen. Anschließend bummeln wir noch eine Weile durch die Altstadt.

Schließlich fahren wir am späten Nachmittag in ein tibetisches Dorf außerhalb der Stadt. Hier sind wir bei einer Familie zum Abendessen eingeladen und dürfen ein klein wenig Einblick nehmen in das dortige Altagsleben.

Auf einen Drink nehmen wir im Gästeempfangsraum Platz. Mit besonderem Stolz zeigt uns die Familie allerdings ihren prächtigen Gebetsraum und auch ihren Hund, einen sehr freundlichen tibetischen Mastif, der jetzt noch im zarten Welpenalter ist.

6. Tag: Shangri La - Deqen - Feilei Si

Unsere erste Überlandfahrt beginnt. Die beiden Toyota Landcruiser werden beladen und dann geht es los. Die Straße ist viel zu gut ausgebaut und fast bis zum nächsten größeren Ort Benzilan komplett mit Leitplanken von der Umgebung abgegrenzt. Es gibt nur wenig Möglichkeit mal eben zwischendurch anzuhalten. Lediglich an einigen Stellen kann man anhalten - wo am Straßenrand noch Bauhütten stehen, eine Seitenstraße abzweigt oder ein offizieller Aussichtspunkt eingerichtet wurde.

Die Landschaft ist hier - ganz anders wie in Tibet - kräftig grün und erinnert fast ein wenig an die Schweiz - nur dass die Berge viel höher sind. Nach ungefähr fünfzig Kilometern können wir das erste Mal einen Blick auf den rotbraunen Mekong werfen, der in China Lancang heißt. Der Fluss fließt zunächst in einer Schlucht tief unter uns, aber sein Rauschen hören wir bis hierher. Die Landschaft ist gewaltig und die Ausblicke berauschend schön.

Bei Benzilan sind wir dem Mekong sehr viel näher gekommen. Waren wir in Shangri-La noch auf 3.300 m geht es nun immer weiter hinab, bis wir in Benzilan nur wenige Meter über dem Fluss auf etwa 2.000 m Höhe unterwegs sind. Der einst beschauliche Ort ist in den letzten Jahren zu einer großen Stadt geworden, die inzwischen das ganze Tal auf beiden Seiten des Mekong einnimmt.Die Straße wird hier wieder etwas einfacher – zwar immer noch gut asphaltiert, aber die durchgehenden Straßenbegrenzungen gibt nicht mehr. Da ist es sehr viel einfacher mal zwischendurch anzuhalten. Die Landschaft animiert unaufhörlich zum Fotoapparat zu greifen. Viele Bilder schieße ich wie aus dem fahrenden Auto, denn wenn wir jedes Mal anhalten würden wir kaum noch vorankommen.

Unsere Strecke führt auf der linken Tal-Seite bergauf mit Blick auf die Stadt. Nach kurzer Zeit sind wir schon wieder hoch über dem Mekong unterwegs. Wir machen Halt an einer kleinen Stupa, die mit Tausenden von Gebetsfahnen geschmückt ist. Mit Ausblick auf die schöne Landschaft sitzt hier ein Stein-Buddha unter einem Wasserstrahl und wird regelmäßig von den Besuchern mit den bereit liegenden Bürsten geschrubbt.

Etwa sieben Kilometer hinter Benzilan gibt es einen Aussichtspunkt. Der Blick über eine große Schleife des Mekong, der hier einen Bergrücken mit mehreren fast 90-Grad-Wendungen umfließt, ist unglaublich grandios.

Nach weiteren sieben Kilometer liegt das Dhandrumping Kloster mitten in einem kleinen Dorf unterhalb der Straße. Das goldene Dach des Haupttempels strahlt uns schon von weitem in der Mittagssonne entgegen. Das ursprüngliche Kloster aus dem 17. Jhd. wurde während der Kulturrevolution vollständig zerstört und an dieser Stelle wieder aufgebaut. Heute leben hier über 300 Mönche.

Westliche Reisende scheinen hier in der letzten Zeit nicht allzu häufig vorbeigekommen zu sein, denn dieser nette junge Mönch schaut einigermaßen überrascht als er uns sieht. Seine Mönchskameraden am Eingang nehmens dagegen sehr viel gelassener.

Inzwischen ist es schon recht spät geworden und so machen wir halt an einem kleinen Restaurant am Straßenrand. Hier wird noch frisch gekocht oder besser "gewokt". Bei der Zubereitung des Essens können wir zuschauen. Nach kurzer zeit steht für wirklich kleines Geld ein köstliches Mahl auf dem Tisch.

Bevor wir weiterfahren besuchen wir noch das Nonnenkloster hoch über dem Dorf. Die Aussicht von hier oben ist schon allein den Besuch wert. Allerdings kündigt sich schlechtes Wetter an. Schwere dunkle Wolken werden vom Wind über die gegenüber liegenden Berge gedrückt und es zieht sich immer mehr zu. Nach wenigen Kilometern fallen dann auch schon die ersten Regentropfen.

Hatten wir uns auf unsere erste Passüberfahrt über den fast 4.300 m hohen Yak La gefreut, wurden wir jetzt einigermaßen enttäuscht. Auf einer Höhe von ca. 4.000 m führt die Straße durch mehrere bis zu fünf Kilometer lange Tunnel mit jeweils zwei Röhren durch den gesamten Berghang. Der Pass wird damit komplett umfahren.

Leider ist es auch nicht mehr erlaubt die alte Pass-Straße noch zu benutzen. Wangchuk erzählt uns, dass diese seit der Eröffnung des Tunnels nicht mehr instandgehalten wird und deshalb von mehreren Erdrutschen verschüttet ist. Nach dem Durchfahren der Tunnel geht es noch ein wenig abwärts bis auf 3.600 m bis wir Deqen erreichen. Die Chinesen scheinen sehr stolz auf den Ausbau des ehemals kleinen Örtchens mit seiner schönen Altstadt zu einem Industriestandort irgendwo im nirgendwo zu sein, denn es wurde extra ein sehr aufwendiger Aussichtspunkt gebaut. Von der ehemaligen rustikalen Altstadt ist kaum noch etwas übrig. Auch sonst sieht die Stadt nicht mehr einladend aus.

Auf unserer Weiterfahrt besuchen wir noch eines der bedeutendsten Klöster der ganzen Region - das Feilai Kloster - auf tibetisch Juewu Nanka Tashi. Der Legende nach sah Rinpoche Naka Quji Gyatso, der Gründer des Klosters, in einer tiefen Meditation eine Buddha Statue gegenüber des heiligen Berges Kawa Karpo. Seine Nachforschungen wurden belohnt, denn er fand tatsächlich diese Buddha Statue und brachte sie zum Kloster.

Die meisten Hotels der Region sind in Feilei Si, einem Touristenort etwa 10 km hinter Deqen. Der Ort zieht sich entlang dem Berghang mit herrlichem Blick auf den heiligen Berg der Tibeter, den Kawa Karpo. Unser Hotel Mingzhu liegt etwas höher am Berghang und unsere Zimmer haben „Mountaiin View“, wenn es denn Mountain View gäbe. Unsere tibetischen Begleiter sind mindestens so enttäuscht wie wir, denn ihr heiliger Berg Kawa Karpo versteckt sich hinter dicken Wolken und scheint sich heute auch nicht mehr zeigen zu wollen.

7. Tag: Feilei Si - Mingyong Gletscher - Feilei Si

Als wir am Morgen aus dem Fenster schauen liegt eine riesige Wolkenwand vor uns. Vom Kawa Karpo und dem schönen Mingyong Gletscher ist nichts zu sehen. Trotzdem brechen wir wie geplant zu unserem Gletscher-Ausflug auf.

Es geht zunächst etwa 15 Kilometer entlang des Berghanges in Richtung Norden auf der Strecke, die wir auch morgen weiter in Richtung Yanjing fahren werden. Hier biegt eine eine Serpentinen-Straße ab, die von 3.500 m den Berghang hinunter bis zum Mekong auf 2.000 m führt. Inzwischen schaut auch die Sonne immer wieder zwischen den Wolken hervor und die Aussicht während der Fahrt ist spektakulär. Der heilige Berg selbst hängt allerdings immer noch in Wolken.

Noch bevor wir den Mekong auf einer neuen Brücke überqueren, kommen wir an den Checkpost zum Mingyong Glacier Nationalpark. Hier müssen wir uns mit unseren Reisepässen ausweisen und erhalten unsere Eintrittskarten. Auf der anderen Talseite führt die Straße wieder aufwärts und schließlich in ein Seitental bis auf 2.319 m.

Hier befindet sich die „Talstation“. Von hier aus kann man entweder zu Fuß die sechs Kilometer zum Gletscher auf 2.914 m aufsteigen oder man kann einen Teil der Strecke bis auf 2.791 m mit einem E-Bus zurücklegen. Lena, Yilmaz und David entscheiden sich für das Laufen – Gerti, Gregor und ich für den E-Bus. Die Tickets für den E-Bus gibt es für die Hin- und Rückfahrt für 70 Yuan, also knapp zehn Euro, am Schalter in der Talstation. Nach zehn Minuten startet das Gefährt auch schon und kaum eine Viertelstunde später stehen wir an der „Electromobile Transfer Station" auf 2.712 m.

Dann beginnt auch für uns der Aufstieg! Über eine sehr komfortabel angelegte Treppenanlage geht es Stufe für Stufe und über lange Stege hinauf bis zum Tai Tsz Tempel auf 2.912 m. Dabei kommen wir während der zwei Stunden und den knapp zwei Kilometern ganz schön ins Schnaufen - die Ausblicke zurück ins Tal und hinauf zum Gletscher sind aber die Mühe allemal wert.

Nach etwa gut einer Stunde sind auch die Wanderer schon am Tai Tsz Tempel. Sie liegen gut in der Zeit, denn lt. unserem örtlichen Führer sollte der gesamte Aufstieg zu Fuß etwa drei Stunden dauern. Gemeinsam besuchen wir den recht unscheinbaren Tempel und steigen dann weiter auf bis zu einigen noch höher liegenden Aussichtsplattformen.

Die Aussicht ist wirklich absolut grandios. Wir machen das obligatorische Gruppenfoto und dann geht es für Gerti, Gregor und mich auf gleichem Weg zurück. Die jungen Leute wollen noch bis zum Lotus Kloster auf 3.100 m aufsteigen und dann den ganzen Weg wieder zu Fuß bis zur Talstation absteigen, wo wir uns dann wiedertreffen.

Wir suchen uns ein kleines Restaurant im Mingyong Village, wo wir gemütlich draußen sitzen können. Das Essen wird ganz frisch in der Küche nebenan im Wok zubereitet. Da können wir den beiden Köchen auch gleich mal über die Schulter schauen. Das Essen ist flugs zubereitet und steht dampfend und wohlriechend auf unserem Tisch.

Schließlich fahren wir zurück nach Feilei Si. Inzwischen sind wieder Wolken aufgezogen und so sehen wir den Kawa Karpo auch jetzt nur telweise und schemenhaft. Wir warten noch an einem Aussichtspunkt, ob sich vielleicht auch der Gipfel noch zeigt, aber nach einer Viertelstunde war gar nichts mehr vom Berg und seinem Gletscher zu sehen.

Also hoffen wir auf morgen. Vielleicht zeigt er sich ja beim Sonnenaufgang? David gibt uns einen Vorgeschmack auf den Ausblick wie er sein könnte. Er hat im Lotus Kloster ein schönes Foto vom Kawa Karpo zum Sonnenaufgang gekauft und damit gleich eine kleine Spende für das Kloster geleistet.

8. Tag: Deqen - Yanjing - Markham

Vom Kawa Karpo und von Sonne  auch heute keine Spur. Der Himmel ist grau in grau. Eine riesige Wolke hängt über dem Mekong-Tal bis bis hinauf zum heiligen Berg. Außerdem regnet es. Also verlassen wir Deqen ohne ihn richtig gesehen zu haben und trösten uns damit, dass selbst Wangchuk, der schon viele Male hier war, ihn noch nie zu Gesicht bekommen hat. Im Kopf haben wir das Bild von David.

Die Fahrt geht heute in Richtung Norden immer entlang des Mekong. Teilweise fließt er tief unter uns – teilweise führt die Straße nur weniger Meter über dem Fluss. Die Ausblicke sind fantastisch und jeder Meter Fahrt ein wirklicher Genuss.

Nach 115 km und zweieinhalb Stunden erreichen wir Yangjing und die Autonome Region Tibet, abgekürzt auch TAR genannt (Tibet Autonomous Region). Am Checkpost muss Wangchuk mit unseren Reisepässen und den Permits vorstellig werden. Es dauert eine halbe Ewigkeit bis er zurückkommt und die Erlaubnis zur Weiterfahrt mitbringt.

Da wir nach über zehn Jahren die ersten - wirklich die allerersten - Touristen sind, die wieder auf dieser Strecke nach Lhasa fahren dürfen, wurden die Papiere ganz besonders genau kontrolliert. Der Beamte hat mit seinem Vorgesetzten telefoniert, der Vorgesetzte mit seinem Vorgesetzten bis jemand in der Autoritätenkette mit der Permitstelle in Lhasa gesprochen hat und dann endlich das OK kam.

Yangjing ist schon seit Jahrhunderten bekannt für seine Salzproduktion. „Yan“ bedeutet so viel wie Salz und „Jing“ Brunnen. In dem Ort an der antiken Tee- und Salzroute, die hinauf nach Tibet führte, hat man schon vor 1000 Jahren verstanden, aus dem salzhaltigen Wasser aus den heißen Quellen oberhalb des Flusses Salz zu gewinnen. Da im teilweise sehr schroffen Tal des Mekong nur wenig Platz ist, haben die Bewohner von Yangjing die Salzbecken nicht auf dem Boden sondern auf Holzgestellen entlang der Felswände und über dem Flussufer angelegt. Früher hatte jede tibetische Familie mehrere davon. Das größte ist stolze sieben Quadratmeter groß.

Vom Parkplatz aus führt der Weg durch das Dorf zu den Salzbecken am Mekong-Ufer. Die Bewohner scheinen einigermaßen überrascht zu sein, westliche Touristen hier zu sehen. Viele winken uns freundlich oder rufen uns ihr „Tashi Delek“ zu.

Im neuen Ortsteil hoch über dem Fluss an der Hauptstraße empfiehlt Wangchuk uns ein traditionelles tibetisches Nudelrestaurant. Hier wird ausschließlich Nudelsuppe in recht ausgefallener Weise serviert. Jeder Gast erhält eine kleine Suppenschüssel, die mit einer ersten kleinen Ration Nudelsuppe befüllt ist. Die Serviererinnen füllen mit animierenden Worten und mit Gesang die Schüssel beliebig oft wieder auf. Für jeden Nachschlag legt man einen Stein aus einem Körbchen auf den Tisch neben seinen Teller und je mehr Steine dort liegen desto mehr wird man angefeuert, eine weitere Portion zu nehmen. Das Ganze wird mit lauter tibetischer Musik und dem begeisterten Gesang der Köchin und der Serviererinnen begleitet. Unsere Serviererin war sehr animativ und so verlassen wir mit wohlgefüllten Mägen eines der interessantesten Restaurants, das wir bisher auf unseren zahlreichen Reisen besucht haben.

Auf der letzten Etappe nach Markham schauen wir uns noch die einzige katholische Kirche in Tibet an, die hoch über dem Mekong in Upper-Yangjing liegt. Die ursprüngliche Kirche wurde 1865 gegründet und im europäischen Stil erbaut. In der Kulturrevolution wurde sie zerstört, 1965 wieder aufgebaut und noch einmal 1999 von einem Erdbeben zerstört. 2001 begann der nächste Wiederaufbau, dieses Mal jedoch ganz im tibetischen Klosterstil. Nur die Innenräume erinnern noch an eine europäische Kirche.

Unsere tibetischen Begleiter schauen sich die Kirche, insbesondere den Altarraum und die Bildnisse von Maria und Josef sehr interessiert an. So schlüpfen wir einmal für einen Moment in die Reiseleiter-Rolle und versuchen ihnen so gut es geht die Bedeutung zu erklären.

Vom Aussichtspunkt in der Nähe reicht der Blick bis zurück zu den Salzfeldern von Yanjing und gibt in der anderen Richtung einen Vorgeschmack auf die grandiose Landschaftsszenerie, die uns heute noch erwartet.

Auf unserer Weiterfahrt nach Markham folgen wir noch eine Weile dem Mekong flussaufwärts. Wie gebannt schauen wir auf die überwältigende Landschaftsszenerie – die Ausblicke sind unglaublich grandios - besonders an einem kleinen gebetsfahnengeschmückten Chorten hoch über dem Fluss.

Schließlich wendet sich der Mekong nach Nordwesten, während unsere Straße uns in ein Seitental in nördliche Richtung führt. Auf halber Strecke zwischen Yangjing und Markham stehen wir dann endlich auf unserem ersten Pass. Stolze 4.474 m hat der Hung La zu bieten. Die Passhöhe ist mit einer kleinen Stupa und einem Meer aus Gebetsfahnen geschmückt.

Nun sind es noch 60 km nach Markham. Die gut ausgebaute Strecke führt über eine Hochebene, die sich langsam auf knapp 4.000 m absenkt. Wir kommen schnell voran und in knapp einer Stunde stehen wir schon vor unserem Hotel mitten in der Innenstadt. Es ist erstaunlich - selbst hier liegt unsere Unterkunft im Bereich von ganz ordentlichen drei Sternen.

Wangchuk hatte uns vorgewarnt. Noch vor wenigen Jahren war Markham ein größeres Dorf. Inzwischen wurde es von den Chinesen zu einer großen Stadt ausgebaut. Schon vor dem Ort haben wir mit einigem Befremden die riesigen Wohnblocks gesehen, die völlig deplaziert in der Landschaft stehen. Auch ein Industriegebiet mit einigen Firmen ist offensichtlich im Entstehen. Wie es scheint haben die Chinesen hier noch großes vor.

Im Hotel verabschieden wir uns von unseren tibetischen Begleitern, denn wir wollten in Eigenregie noch ein wenig durch die Stadt bummeln und uns irgendwo ein kleines Restaurant für ein kleines Abendessen suchen. Nach der Nudelsuppen-„Schlacht“ heute Mittag haben wir alle keinen großen Hunger mehr.

In einer Seitenstraße entdecken wir einen Markt. Die ersten Stände sind zwar schon abgebaut, aber trotzdem sind noch viele Tibeter unterwegs. Wir sind sehr bewegt, als wir auch hier so überaus freundlich begrüßt werden. Vielleicht liegt es daran, dass so lange Zeit keine westliche Touristen mehr hier lang gekommen sind. Von allen Seiten wird „Tashi Delek“ gerufen und einige schütteln uns sogar die Hand zum Willkommen. Hier treffen wir auch das erste Mal auf Kampas.

Auf einem großen zentralen Platz finden wir ein kleines tibetisches Restaurant, das sehr einladend aussieht. Beim Eintreten sehen wir einige Mönche bei einem Tee, die in die Hände klatschen als sie uns sehen. Wir grüßen freundlich und suchen uns einen Tisch. Sogleich sind wir auch hier Gegenstand großen Interesses. Jede unserer Bewegungen wird mit einer liebenswerten Neugier beobachtet und manches Mal mit einem freundlichen Lächeln oder freundlichen Worten quittiert. Mit Händen und Füßen bestellen wir schließlich Nudelsuppe. Außerdem werden wir großzügig mit Milchtee bedacht.

Es dauert nicht lange und es steht eine ganze Gruppe von Tibeter um unseren Tisch. Mit einer Übersetzungs-App werden wir neugierig nach dem „Woher und Wohin“ und vielen anderen Dingen befragt. Schließlich bezahlen wir einen bescheidenen Betrag von 80 Yuan für unsere sechs Nudelsuppen und viele Tassen Milchtee.

9. Tag: Markham - Dzogong - Baxoi

Das Frühstück im Drei-Sterne-Gesaer Hotel ist bisher - mit Ausnahme von Shangri La – mit Abstand das Beste. Es gibt ein kleines Buffet, das zwar überwiegend chinesische Speisen anbietet, aber der gebratene Reis und das gegarte Gemüse ist neben dem Kuchen ganz gut.

Pünktlich um neun Uhr brechen wir auf. Es liegt mit über 350 Kilometern und vier Passüberfahrten ein langer Fahrtag vor uns. Bevor wir Markham verlassen wollen wir allerdings das bedeutende Kloster der Stadt besuchen. Wangchuk ist erst einmal desorientiert. Früher lag das Kloster mitten im Dorf - nachdem sich hier aber in den letzten Jahren so viel verändert hat... Wir fahren suchend durch die Stadt.

Mehrere Male fragt Wangchuk Passanten bis wir es endlich finden. Es liegt tatsächlich auch jetzt noch mitten in der Stadt und zwar genau dort an dem großen Platz, an dem wir gestern in unserem netten tibetischen Restaurant zu Abend gegessen haben. Der Durchgang zum Kloster ist gleich daneben. Die Chinesen haben einfach einen ganzen Häuserblock vor das Kloster gebaut, so dass es von der Hauptstraße aus nicht mehr zu sehen ist.

Es sind viele Tibeter unterwegs, die das Kloster auf der kleinen Kora umwandern. Gemeinsam mit ihnen gehen wir auch einmal herum. Auch jetzt erregen wir wieder viel Aufmerksamkeit. Viele von ihnen begrüßen uns oder wollen uns sogar die Hände schütteln.

In der Versammlungshalle haben sich gerade die Mönche zu ihren Morgengebeten versammelt. Die Stimmung berührt uns alle sehr – gleichzeitig bin ich aber etwas traurig, dass ich keine Fotos machen darf, um die Stimmung ein wenig einzufangen. Wir verharren eine ganze Weile um das alles auf uns wirken zu lassen bevor uns die lange Fahrstrecke weiter treibt.

Kaum dass wir aus der Stadt heraus gefahren sind beginnt auch schon die Auffahrt auf den 4.420 m hohen Lao Shan La. Die Strecke führt durch weites Grasland recht gemütlich aufwärts. Die Aussicht vom Pass ist nicht wirklich spektakulär, aber wir haben einen schönen Blick auf die vor uns liegende Strecke.

Jetzt geht es erstmal mit uns bergab. Wir fahren durch mehrere sehr schöne tibetische Dörfer. In einem machen wir Halt und spazieren gemütlich die Straße entlang. Kaum dass wir das Ende des Dorfes erreicht haben kommen auch schon unsere Jeeps und laden uns wieder ein.

Die Straße windet sich weiter bergab bis wir auf einer Höhe von knapp 3.000 m wieder auf das Tal des Mekong treffen. Eine ganze Weile fahren wir mit dem Fluss zu unserer Linken das Tal entlang, aber dann führt uns die Straße wieder bergauf in ein Seitental. Die Auffahrt auf den 3.900 m hohen Jo La Pass beginnt. In unzähligen und auch recht steilen Serpentinen geht es dieses Mal aufwärts. Die Ausblicke zurück ins Tal sind schön aber immer wieder auch erschreckend.

Wir passieren mehrere Großbaustellen in der schönen Landschaft. Hier wird an einem Tunnel gebaut, der quer durch den Berg führen und einen Großteil der Passüberfahrt abkürzen soll. Es ist auch ganz offensichtlich, dass die weitere Strecke nicht mehr so gut instand gehalten wird – sie wird ja bald nicht mehr gebraucht. Die Aussicht vom Pass ist berrauschend schön, aber wir halten uns nicht lange auf.

Es ist inzwischen schon fast halb eins. Wir finden ein nettes kleines Restaurant direkt an der Straße, in dem wir die Zutaten für unser Mittagessen aus dem "Frische-Regal" auswählen können. Nach kurzer Zeit steht ein ganz hervorragendes frisch im Wok zubereitetes Mahl auf unserem Tisch.

Es geht in weiten Serpentinen hinunter bis auf knapp 3.000 m und dann windet sich die Straße auch schon wieder langsam hinauf. Wir gelangen auf eine Hochebene, auf der wir uns langsam und kaum merklich wie auf einer „schiefen Ebene“ bis auf den 5.098 m hohen Dingda La Pass hinauf arbeiten. Entsprechend unspektakulär ist die Aussicht von hier oben und der Pass selbst.

Der heutige Tag verlangt Sodo und Pemba, unseren beiden Fahrern, einiges ab. Es ist absolut bewundernswert mit welcher Ruhe und Gelassenheit sie Kurve für Kurve nehmen und dabei immer bis auf äußerste aufmerksam sind. Für uns als "Zuschauer" ist jeder Meter Fahrt ein landschaftlicher Genuss, an dem wir uns kaum satt sehen können. Als wir im Hauptort der Region, in Zogang, ankommen, befinden wir uns gerade einmal auf 2.000 m. Es ist ziemlich heiß hier und der Ort einigermaßen unansehnlich. Gleich nach der Registrierung am Checkpoint fahren wir weiter.

Aus dem tiefen Tal gelangen wir wieder auf eine Hochebene. Eine lange Zeit bewegen wir uns wieder auf Höhen um 4.000 m - also fast auf der Höhe vom Mont Blanc! Es ist schon fast halb fünf als die Auffahrt auf unseren letzten Pass für heute beginnt. Die Serpentinen sind lang gezogen und bieten wunderbare Ausblicke auf die Hochebene, die hinter uns liegt und das Bergmassiv, auf das wir zufahren.

In der tief stehenden Sonne strahlt die Landschaft in intensiven Farben – wir können uns kaum satt sehen. Vom über 4.600 m hohen Gam La Pass fällt der Blick auf die umliegenden Berge, die in den unterschiedlichsten Farben leuchten. Dieser wunderbare Blick begleitet uns während der gesamten Fahrt hinunter.

In 72 engen und steilen Zick-Zack-Serpentinen führt die abenteuerliche Straße hinab in das Tal des Salaven Flusses, der in einem engen und schroffen Tal auf ca. 2.000 m dahin fließt. Wir folgen ihm einige Kilometer bis wir in ein Seitental abbbiegen, das uns langsam und kaum merklich wieder auf eine Höhe von 2.680 m nach Baxoi führt.

Es ist fast dunkel, als wir um kurz vor acht im Hotel ankommen, einem riesigen unansehnlichen Kasten, der kurz vor dem eigentlichen Hauptort einigermaßen deplaziert in der Landschaft steht. Immerhin kommt dieser Kasten mit örtlichen drei Sternen daher und die Zimmer sind selbst in dieser abgelegenen Region schön und sauber. Im Hotelrestaurant sorgt unsere Anwesenheit allerdings wieder für einige Überraschung. Wie überall spricht hier fast niemand Englisch und so geht die Bestellung mit Händen und Füßen, Sprach-App und etwas Übersetzungshilfe einer netten Chinesin, die auch Gast hier ist.

10. Tag: Baxoi - Ranwu See - Bome - Kuchang

Nach einem grauseligen chinesischen Frühstück, von dem für uns eigentlich nur der Kuchen und die gekochten Eier genießbar waren, brechen wir wie üblich um neun Uhr auf. Bis zum Ranwo Lake ist es heute nicht sehr weit.

Bevor wir Baxoi verlassen heißt es für Wangchuk jedoch erst einmal wieder den Checkpost aufzusuchen. Das geht Gottseidank einigermaßen schnell. Ohne große „Ups and Downs“ führt uns die Straße dann zunächst durch das weite Tal des Ling Chu Flusses in Richtung Westen.

Immer wieder begegnen uns Nomaden, die ihre Zelte in den höheren Lagen abgebrochen haben und nun wieder in ihre Winterquartiere ziehen, denn auf über 4.000 m wird es jetzt in den Nächten schon empfindlich kalt.

Auch für die Nomaden haben sich offensichtlich die Zeiten gewandelt. Während sie früher ihr gesamtes Hab und Gut auf ihre Yaks verladen haben, scheinen die meisten von ihnen heutzutage über einen Traktor zu verfügen, der hoch beladen vorausfährt. Die Familie kommt dann mit ihren Tieren – meistens Schafe, Ziegen und Yaks zu Fuß nach.

Nach etwa einer Stunde wendet sich das Flusstal nach Süden und verengt sich mehr und mehr. Der Fluss ist immer noch unser Begleiter, aber inzwischen rauscht er tief unter uns und wir fahren wie in einer Klamm. Als sich diese wieder öffnet sind wir auch schon in der Nähe des Ranwu Sees. Die „großartig“ angelegte weitläufige Straßenkreuzung mit riesigen Hinweisschildern und einem „prächtigen“ Eingangstor lassen schlimmes erahnen. Als wir zum Ufer des Ranwo Sees kommen sind die chinesischen Touristen schon da – zahlreich, um nicht zu sagen massenhaft. Wir finden kaum einen Parkplatz. 

Der See scheint sich zu einem beliebten Ausflugsziel für chinesische Touristen mit der entsprechenden chinesischen Infrastruktur entwickelt zu haben. Der See selbst beeindruckt uns nicht annähernd so wie wir das aus den Beschreibungen erwartet haben. Das liegt aber nicht zuletzt an dem recht trüben Wetter. Deshalb gehen wir kurz zum Aussichtspunkt, machen einige Bilder und beratschlagen dann über das weitere Tagesprogramm.

Eigentlich hatten wir heute hierbleiben wollen, um der Straße weiter bis zum Lhagu-Gletscher zu folgen und dort einige kleine tibetische Dörfer zu besuchen. So richtig begeistert uns die Umgebung jetzt gerade im Regen und mit den vielen chinesischen Touristen jedoch nicht. Als Pemba den Vorschlag macht, etwa 30 km weiter westwärts zu fahren, um dort den Midui-Gletscher zu besuchen überlegen wir kurz. Wenn wir hierbleiben, haben wir morgen einen wirklich langen Fahrtag von über 350 km nach Nyingchi. So könnten wir heute noch etwas über den Midui-Gletscher hinausfahren bis hinter Bomi, um in einem tibetischen Gästehaus zu übernachten. Das gibt letztendlich den Ausschlag, dass wir Pembas Vorschlag aufgreifen und weiterfahren.

Nachdem wir durch ein kleines tibetisches Dorf gefahren sind geht es nur noch in Richtung Westen. Die Straße folgt dem nördlichen Ausläufer des Ranwo Sees, der aus dem Lhagu Gletscher gespeist wird. An dessen Ende fließt sein Wasser über eine natürliche Barriere in den Parlong Fluss, der ab nun unser Begleiter ist. Je weiter wir nach Westen kommen desto enger und schroffer wird das Tal.

Der Eingang zum Midui-Gletschertal ist mit einem riesigen Besucherzentrum und einer gewaltigen touristischen Infrastruktur von Hotels und Restaurants bebaut. Das ist noch um einiges touristischer als der Ranwu See. Wir besorgen uns die Karten und fahren mit dem E-Bus hinauf in Richtung Gletscher. Nach etwa 15 Minuten erreichen wir einem großen Platz, der früher wohl mal ein Dorfplatz gewesen ist. Von hier aus kann man den Aussichtspunkt zum Gletscher entweder per Pferd oder zu Fuß erreichen.

Wir spazieren gemütlich durch das nahegelegene tibetische Dorf. Auch von hier aus ist die Sicht auf den Gletscher beeindruckend, dessen obere Hälfte sich allerdings hinter Wolken versteckt ebenso die dazugehörigen über 6.000 m hohen schneebedeckten Berge.

Es geht ziemlich zügig zurück zu unseren Fahrzeugen. Nach Kuchang hinter Bomi zu dem tibetischen Gästehaus sind es noch etwa 120 km. Die Strecke führt weiter entlang des Parlung Tsangpo Flusses. Von dem grandiosen Flusstal, das schmal und schrott stellenweise gerade einmal Platz für die Straße und den Fluss bietet, sehen wir nicht viel, denn es regnet.

Erst kurz vor Bomi öffnet sich das Tal ein wenig. Hier muss Wangchuk erneut auf der Polizeistation vorstellig werden. Dieses Mal dauert es fast eine halbe Stunde. Eine Polizistin kommt sogar noch mit zu den Fahrzeugen und wirft prüfende Blicke in den Kofferraum. Dann endlich dürfen wir weiterfahren.

Nach etwa 20 km erreichen wir den kleinen Ort Kuchang. Hier biegen wir von der Hauptstraße ab und fahren eine kurze Strecke den Berg hinauf zum „Home of Renchen“. Das von einer tibetischen Familie geführte Gästehaus liegt ganz idyllisch etwas erhöht am Berghang mit Blick über den Parlung Tsangpo Fluss, der sich hier so breit in einer Schleife verläuft, dass er fast wie ein großer See wirkt. Hinter dem Fluss ragen die Berge hoch empor, verlieren sich jedoch in den Wolken, so dass sich ihre schneebedeckten Gipfel auch hier vor uns verbergen.

Das Gästehaus ist ganz im tibetischen Stil gebaut und eingerichtet. Wir sind begeistert. Leider ist es inzwischen recht spät geworden, so dass wir wenig Gelegenheit haben uns in der Umgebung umzuschauen. Nachdem wir unsere Zimmer bezogen haben begeben wir uns ins Restaurant.

Zum Wochenende gibt es hier viele chinesische Übernachtungsgäste. Die meisten feiern mit lauter Musik und viel Geschrei draußen auf der Gartenterrasse. Im Restaurant ist es deshalb einigermaßen ruhig und das Essen ausgesprochen gut! Später suchen wir uns einen Platz auf der Gartenterrasse, denn inzwischen haben sich die meisten Chinesen sturzbetrunken auf ihre Zimmer zurückgezogen. Da findet auch Dolma, die Eigentümerin, ein wenig Zeit sich zu uns zu gesellen. Sie ist eine bezaubernde junge Frau mit sehr viel Ausstrahlung, die als Tochter einer Nomadenfamilie groß geworden ist. Sie hatte die Gelegenheit in Indien zu studieren und hat dabei auch ganz passabel Englisch gelernt und dann dieses großartige Gästehaus mit aufgebaut.

Nachdem wir einige Male mit Migmar, Wangchuk, Pemba und Sodu angestoßen haben ziehen wir uns auf unsere Zimmer zurück.
Wie schön, dass wir durch unsere Programmänderung hier in dem wirklich schönen Gästehaus gelandet sind.

11. Tag: Kuchang - Lanung - Nyingchi

Zum Frühstück gibt es neben einer schmackhaften Nudelsuppe auch Tsampa. Für die Zubereitung hat uns Dolma einen großen Trog mit Gerstenmehl und eine Kanne Buttertee auf den Tisch gestellt. Das Ganze wird miteinander vermischt und zu einem festen Teig geknetet.

Traditionell wird Tsampa mit den Händen geknetet. Heutzutage nimmt man jedoch eine kleine Schale und einen chinesischen Löffel zu Hilfe. Zur Geschmacksverbesserung haben wir noch ein wenig Zucker hineingemischt. Das Ganze ist äußerst nahrhaft und auch heute noch eine der Haupt- und Leibspeisen der Tibeter. Dolma, die Eigentümerin des Gästehauses Home of Renchen, hat großen Spaß an unserer Tsampa-Kneterei und fotografiert alle Stadien bis zum fertigen Tsampa-Teig.

Gegen zehn Uhr verlassen wir schweren Herzens diesen schönen Ort. Hier wären wir gerne noch etwas länger geblieben. Auch heute folgen wir wieder dem Parlung Tsangpo flussabwärts. Die Berghänge ziehen sich auf beiden Seiten des Flusstales hoch hinauf und sind komplett bewaldet. Die Tibeter nennen die Region deshalb auch die „Schweiz von Tibet“. Der Grund für so viel Grün zeigt sich uns heute fast den ganzen Tag – es regnet nahezu unablässig. Deshalb haben wir auch heute wieder keine Gelegenheit auch nur einen einzigen der vielen schneebedeckten Berge zu sehen.

Unterwegs machen wir Halt im Dorf Pailong. Hier soll die Mönba Minorität leben. Das Dorf sieht allerdings nicht danach aus, als ob hier überhaupt jemand leben würde. Das macht eher den Eindruck einer neu errichteten Reihenhaus-Siedlung oder eines Feriendorfes im tibetischen Stil. Im einzigen Laden des Ortes fragt Wangchuk nach. Er kennt das Dorf noch von seinen Besuchen vor einigen Jahren. Nun erhält die Auskunft, dass die meisten der ursprünglichen Bewohner weggezogen sind, nachdem sie in diese neu errichteten Häuser umziehen sollten. Dementsprechend überrascht und deprimiert schauen unsere Guides und Fahrer drein.

Da wird das Mittagessen in einem tibetischen Restaurant unterwegs ja heute schon fast zu einem Highlight. Hier gibt es tibetischen "Hotpot" als Spezialität, die wir gerne einmal probieren. Alle Tische sind mit einer entsprechenden Vertiefung in der Mitte ausgestattet, in die der Hotpot gestellt und von unten beheizt wird. Er ist befüllt mit einer schmackhaften Brühe, in der verschiedene Fleischsorten vorgegart sind. Zusätzlich wird Gemüse und andere Zutagen gereicht, das man dann in der Brühe nach Belieben gart.

Da es nach dem Mittagessen gerade einmal nicht regnet unternehmen wir noch einen kleinen Spaziergang durch das nahegelegene Dorf.

Unseren nächsten Halt machen wir in Lanung. Migmar und Wangchuk kennen Lanung noch als kleines tibetisches Dorf. Inzwischen haben die Chinesen einen touristischen „Hotspot“ daraus gemacht. Hotel reiht sich an Hotel – davon eines größer und pompöser als das nächste. Alle sind im Baustil ein wenig tibetisch angehaucht. Eines ist jedoch besonders auffallend im Stil eines tibetischen Klosters gebaut. Wangchuk ist entsetzt. So würden Tibeter nie bauen, meint er kopfschüttelnd und traurig, kein normales Haus soll aussehen wie ein Kloster.

Es geht noch einmal hinauf auf den über 4.400 m hohen Serkyem Pass. Der Blick auf den achthöchsten Berg unserer Welt, den 7.782 m hohen Mt. Namcha Barwa, bleibt uns leider verborgen. Die Aussicht, die sich uns vom rundum in Wolken hängenden Pass bietet habe ich erst gar nicht fotografiert. So hätte sich der Mt. Namcha Barwa präsentieren können.

Kaum 50 Kilometer später kommen wir im verregneten Nyingchi an. Die Einfallstraße ist – wir trauen kaum unseren Augen – zweispurig in jede Richtung wie eine Autobahn ausgebaut. Direkt am westlichen Ortseingang haben die Chinesen eine Trabantenstadt mit Hunderten von Hochhäusern errichtet und damit ein ganzes Seitental zugebaut.

Nyingchi gehört mit ungefähr 130.000 Einwohnern mit zu den größeren Städten in Tibet. Unser Hotel liegt ziemlich zentral, so dass wir gleich nach unserer Ankunft gegen sechs Uhr noch einmal losziehen. Tibeter sehen wir keine auf den Straßen. Erst als wir zum Markt kommen können wir glauben, dass es hier überhaupt noch Tibeter gibt.

Die immer offensichtlicher werdende Situation der Tibeter als Minderheit im eigenen Land berührt und entsetzt uns alle sehr. Bei so manchem Anblick war mir in den letzten Tagen schon zum Weinen zumute.

Mit allen Gewaltmaßnahmen haben es die Chinesen in den letzten Jahrzehnten nicht geschafft, den Stolz und die Identität der Tibeter zu brechen. Mit dieser schleichenden Überfremdung und der Verwandlung des traditionellen Tibets in ein „Disneyland Tibet“ werden sie das im Laufe der nächsten Jahre aber wahrscheinlich schaffen.

Schon jetzt wirken die Tibeter auf mich wie verloren in der übermächtigen Masse der Chinesen, die inzwischen in Tibet leben und der Masse an Chinesen, die „Disneyland Tibet“ als Touristenattraktion besuchen und für sich vereinnahmen. Wenn auch nur annähernd die Hotelkapazitäten belegt werden, die schon jetzt von den Chinesen auf Vorrat gebaut wurden, muss man Sorge haben, dass für die Tibeter in ihrem eigenen Land kaum noch Platz ist.

12. Tag: Nyingchi - Yarlung Tsangpo Tal - Gyatsa

Der morgentliche Blick aus dem Zimmerfenster gibt nicht nur einen Ausblick auf die Stadt sondern auch auf das Wetter - es ist alles wolkenverhangen und es regnet. Von den grandiosen schneebedeckten Bergen, die Nyingchi umgeben sollen, ist nichts zu sehen. Das frühe Frühstück in unserem Drei-Sterne-Hotel ist – mit etwas bescheidenen Augen betrachtet – recht gut. Es gibt sogar Toast und gebratene Eier.

Da ein recht langer Fahrtag vor uns liegt brechen wir bereits um acht Uhr auf. Etwas außerhalb der Stadt besuchen wir zunächst den Buchu Tempel. Auch heute ist der Himmel wolkenverhangen, so dass uns das große goldene Dach und das Rad des Lebens mit den beiden Rehen über dem Eingangstor nur zaghaft entgegen leuchten.

Der Buchu Tempel oder auch Buchu Lhakhang ist der Legende nach ein Teil eines Netzwerkes von zwölf Tempeln, die um den Jokhang-Tempel in Lhasa herum erbaut wurden, um einen Dämon zu besänftigen. Der Jokhang-Tempel in Lhasa steht genau auf dem Herzen des Dämon. Die weiteren Tempel wurden jeweils auf einem der Gelenke der Gliedmaßen – Schultern, Ellbogen, Handgelenke, Oberschenkel-, Knie- und Fußgelenke – erbaut, damit er sich nicht mehr bewegen konnte.

Der Dämon lag der Legende nach allerdings nicht nur über Tibet sondern streckte seine Gliedmaßen über dem gesamten Himalaya. So wurde z.B. das Tigernest in Bhutan auf dem linken Handgelenk errichtet.

Ganz in der Nähe liegt der beeindruckende Lamaling Tempel mit dem dazugehörigen Kloster. Der dreistöckige pagodenähnliche Tempel ist das Herzstück der Anlage und außergewöhnlich schön. Jedes der drei Stockwerke beherbergt einen Andachtsraum mit den Buddha-Statuen.

In der Versammlungshalle des Klosters haben sich die Nonnen und Mönche zum Morgengebet versammelt. Die Stimmung berührt uns sehr. Durch den gemischten Chor der tiefen Mönchsstimmen und den Stimmen der Nonnen wird die beeindruckende Wirkung noch verstärkt. Das Lamaling Kloster ist das einzige, in dem Nonnen und Mönchen gemeinsam leben.

Da zu diesem bedeutenden Tempel regelmäßig Pilger und Besucher kommen bieten die Tibeter vor ihren Häusers an einfachen Ständen Souvenirs und so manchen leckeren Snack an. Wir bleiben an einem Stand mit im Wok gebratenen ganz frisch zubereiteten Kartoffelstäbchen - sprich Pommes - hängen.  Oh dieser Duft - wir dürfen kosten - und dann gibt es kein Halten mehr - einige Tüten dieser Köstlichkeit wechseln für 10 Yuan ihren Besitzer.

Unsere Fahrt führt heute den ganzen Tag entlang des Bramaputra, der in Tibet Yarlung Tsangpo heißt – also Yarlung Fluss. Tsangpo bedeutet im tibetischen so viel wie Fluss. Auf meiner Tibet-Reise 2006 bin ich durch das Yarlung Tsangpo-Tal gefahren und war ich von der grandiosen Schönheit des Flusstales so begeistert. Deshalb bin ich auf unsere heutige Fahrt besonders gespannt. Ich habe immer noch die Bilder von damals im Kopf.

Die damalige Begeisterung stellt sich jetzt allerdings nicht mehr ein! Die einstige nahezu unberührte grandiose Schönheit des Tales läßt sich jetzt nur noch an einigen wenigen Stellen bewundern. Es ist inzwischen nahezu komplett erschlossen. Aus der Sandpiste von damals ist eine gut ausgebaute asphaltierte Straße geworden.

Einige schöne Abschnitte gibt es allerdings auch heute noch im Yarlung Tsangpo Tal.

Aber es sind viele neue Orte entstanden und große Bauprojekte beherrschen den Blick. Wangchuk erzählt uns, dass eine neue Bahnlinie von Lhasa bis nach Chengdu geplant ist, die hier durch das Yarlung Tsangpo-Tal führen soll. Mit dieser schnellen Zugverbindung soll die Reisezeit zwischen den beiden Städten auf etwa zehn Stunden verkürzt werden.

Dieses neuerliche Großprojekt der Chinesen entsetzt uns so sehr wie die Tibeter. Schon die Bahnlinie von Peking über Xining nach Lhasa, die 2006 während meines letzten Besuches in Tibet in Betrieb genommen wurde, hatte die Tibeter in große Besorgnis gestürzt. Sie befürchteten, dass immer mehr Chinesen in ihr Land kommen würden. Schon damals wurden die schlimmsten Befürchtungen bei weitem übertroffen. Nun wird noch einmal ein Einfallstor aus einer anderen Region in China nach Tibet geöffnet…

Jetzt erkärt sich uns auch der intensive Ausbau der touristischen Infrastruktur entlang des Sichuan-Tibet-Highways, den wir überall während unserer Fahrt mit einiger Verwunderung beobachtet hatten. All die großzügige Erschließung der Naturschönheiten mit den viel zu groß geratenen Aussichtspunkten, Besucherwegen und E-Bussen, die die Touristen überall hinbringen - und natürlich die vermeintlich völlig überdimensionierten Hotelkapazitäten.

Auch das Yarlung Tsangpo-Tal scheint jetzt entsprechend touristisch erschlossen zu werden. Wir sehen zahlreiche Hotelneubauten und viele neue große Orte bzw. Städte, die teilweise aus dem Boden gestampft worden sein mussten. Hier gab es seinerzeit nur einige wenige kleine Dörfer, deren Häuser entlang der Durchgangsstraße standen.

Nachdem der Verkehr über eine Brücke über den Yarlung Tsanpo auf die rechte Flussseite geleitet wurde, legen wir noch einen Halt in Chongkang Village ein. Hier ist der Geburtsort des 13. Dalai Lama Tubthen Gyatso. Sein Geburtshaus wurde inzwischen zu einem Museum umgebaut.

Gleichzeitig gibt es heute an diesem für die Tibeter so bedeutsamen Ort eine Großveranstaltung zu Ehren des 70jährigen Bestehens der Volksrepublik China.

Die Fahrt gestaltet sich auf dem letzten Stück einigermaßen zeitaufwendig. Etwa 100 km vor Gyatsa gibt es eine neue Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h. Das ist einigermaßen schikanös auf der so gut ausgebauten Straße.

Schließlich erreichen wir Gyatsa gegen halb acht. Nach den vorangegangenen Erfahrungen mache ich mir keine Illusionen auch nur noch irgendetwas von dem einstigen verschlafenen kleinen Örtchen wiederzufinden. Seinerzeit gab es hier ein einziges äußerst einfaches Gästehaus, in dem ich untergekommen war. Jetzt gibt es hier eine Vielzahl an Hotels. Touristen dürfen allerdings nur in einem einzigen übernachten, dass von der Polizeibehörde vorgeschrieben wird.

Am Abend ziehen wir noch einmal um die Häuser, um ein nettes kleines tibetisches Restaurant für das Abendessen zu finden. An einem kleinen Platz in einer Seitengasse werden wir fündig. Eine große bebilderte Tafel, auf der die Gerichte abgebildet sind, hilft bei der Verständigung und der Bestellung, denn Englisch spricht hier niemand. Dafür ist das Essen einfach köstlich.

13. Tag: Gyatsa - Tsetang

Ab Gyatsa folgen wir auch heute wieder dem Yarlung Tsangpo flussaufwärts. Die Straße scheint ziemlich neu zu sein, denn auf meiner Karte ist sie noch nicht zu finden. Gregor kann den Straßenverlauf jetzt wieder mit MapsMe verfolgen, denn das GPS-Signal funktioniert wieder. 

Das Tal verengt sich mehr und mehr und bietet an manchen Stellen gerade noch Platz für die Straße und den Fluss, der tief unter uns rauscht. Die Berghänge erheben sich hoch in den immer noch wolkenverhangenen Himmel.

Die Erschließung und Bebauung des Yarlung Tsangpo Tales setzt sich auch bis hierher fort. Der Fluss fließt von Staustufe zu Staustufe und von Wasserkraftwerk zu Wasserkraftwerk. Hoch über dem Fluss sind die Chinesen auch hier intensiv mit dem Bau von zahlreichen Tunneln für die neue Eisenbahnlinie und den dazugehörigen Brücken beschäftigt. Allerdings ist der Bau hier noch nicht ganz so weit fortgeschritten – wahrscheinlich weil dieser Abschnitt bautechnisch der schwierigste ist.

Bei Rong überqueren wir den Yarlung Tsangpo und treffen auf die alte Straße, die sogar auf meiner Karte eingezeichnet ist, die es aber 2006 auch noch nicht gab. Das Tal weitet sich. Zahlreiche kleine tibetische Dörfer liegen am Wegesrand und weithin sichtbar die höher gelegte Bahntrasse, die hier schon fast fertig ist.

Es wird wüstenhaft karg. Die umliegenden Berge scheinen komplett aus Sandgestein und Geröll zu bestehen. Tsetang ist jetzt schnell erreicht. Damals wie heute ist es eine große Stadt, so dass ich keinen großen Unterschied erkennen kann außer, dass auch hier gebaut wird in welche Richtung man auch schaut. Wenigstens hat sich das Tsetang Hotel verändert. 1992 war es eine ziemlich üble Absteige. Inzwischen hat es sich zu einer recht guten Unterkunft gemausert – angeblich das beste Hotel der Stadt.

Bevor wir zu unseren Besichtigungen aufbrechen müssen wir uns wie üblich beim Polizei-Checkpoint registrieren lassen. Dann steht der Yumbu Lhakhang, der alte Palast der ersten Könige von Tibet, auf unserem Programm. Er liegt hoch über dem Tal auf einem Hügel. Die Zufahrt auf den oberen Parkplatz ist leider „under construction“, so dass wir die vielen Stufen am Südhang hinaufsteigen müssen. Obwohl wir nun schon recht gut akklimatisiert sind kommen wir ganz schön ins Schnaufen. Dafür wird die Sicht auf das umliegende Tal mit jedem Schritt schöner.

Der altehrwürdige Palast, der mit seinem schlanken Turm eher wie eine Festung wirkt, strahlt Erhabenheit aus.

Leider haben wir nicht viel Zeit, denn den Besuch des Thongdral Tempels möchten wir auf keinen Fall versäumen. Er steht auf der linken Schulter des Dämon, der der Legende nach über dem Himalaya liegt. Thongdral ist einer der größten und bedeutendsten Tempel der ganzen Region.

Als wir dort ankommen wird von den Tibetern gerade ganz traditionell mit viel Gesang der Lehm des neuen Tempeldachs gestampft. Wie schön, dass wir diesen alten Brauch noch einmal sehen können – wie schön, dass es diesen alten Brauch immer noch gibt. Jung und Alt singen und stampfen gemeinsam mit viel Inbrunst. Der Tempel, der inzwischen auch ein Kloster beherbergt, beeindruckt uns sehr. In den vielen Andachtsräumen sind zahlreiche sehr alte und sehr wertvolle Buddha-Statuen zu sehen.

Den abendlichen tibetischen Straßenmarkt mit den vielen mobilen Verkaufsständen, wie ich ihn noch 2006 kennengelernt hatte, gibt es leider nicht mehr. Der Bazar ist jetzt in kleinen Geschäften untergebracht und ist auch kein rein tibetischer mehr. Da es inzwischen recht spät geworden ist sind viele der Geschäfte schon geschlossen. Aber wir finden ein tibetisches Restaurant in der Nähe. Von außen sieht es wenig einladend aus – von innen ist es umso schöner und die Momos – sowohl die gedämpften aber ganz besonders die frittierten sind eine Wucht.

14. Tag: Tsetang - Samye - Lhasa

Zum ersten Mal auf unserer Reise treffen wir im Frühstückssaal auch westliche Touristen – darunter sogar eine kleine deutsche Gruppe. Die ist mit einem tibetischen Guide unterwegs, der sehr gut Deutsch spricht. Deshalb spreche ich ihn einfach an. Er heißt Tashi und hat vor zwei Jahren zusammen mit drei weiteren Partnern eine deutschsprachige Reiseagentur in Lhasa gegründet. Zu seinen Partnern gehört auch Norbu, mit dem ich in der Vergangenheit schon mehrfach telefonischen Kontakt hatte. Er ist einer der besten deutschsprachigen tibetischen Reiseleiter in Tibet. Wir verabreden, dass wir uns in Lhasa evtl. noch einmal treffen.

Von chineischen Fähnchen und Lampions begleitet verlassen wir Tsetang. Es geht zum ältesten Kloster Tibets – Samye. Es liegt in einem Seitental nördlich des Yarlung Tsangpo. Wir überqueren den Fluss auf eine der zahlreichen Brücken. Fast automatisch gelangen auf die neue Autobahn, die Tsetang mit Lhasa verbindet und die Fahrzeit auf etwa eineinhalb Stunden reduziert.

Das ist den Chinesen aber offensichtlich noch nicht schnell genug, denn ein Tunnel durch den Gebirgszug, der zwischen Tsetang und Lhasa liegt, soll die Fahrzeit auf ca. eine Stunde reduzieren. Gleichzeitig wird es eine eigene Röhre für den Zug von Lhasa nach Chengdu geben. In ca. einem bis eineinhalb Jahren soll auch dieses Großprojekt fertiggestellt sein.

Um in das Tal von Samye zu gelangen überqueren wir einen ca. 3.800 m hohen Pass von dem aus wir eine herrliche Sicht über die wüstenhafte Umgebung und den Yarlung Tsangpo in der Ferne haben.

Sowohl 1992 wie auch 2006 habe ich Samye besucht. 1992 stand das Kloster noch fast ganz allein in dem recht weitläufigen Tal. 2006 war bereits das Klostergästehaus, einige Mönchswohnungen und einige Häuser in der Umgebung gebaut worden.  Inzwischen ist das Tal rund um das Kloster nahezu flächendeckend bebaut. Es ist eine regelrechte kleine Stadt entstanden, deren Zentrum eine Einkaufsstraße bildet, die direkt auf das Kloster zuführt. Eine Vielzahl von Geschäften bieten hauptsächlich Souvenirs für die zahlreichen Touristen und religöse Gegenstände für die buddhistischen Pilger. Natürlich gibt es auch Restaurants und weiter außerhalb bauen die Chinesen die ersten für fast jeden Ort obligatorischen Reihenhaussiedlungen. Sogar größere Firmen gibt es in den Randgebieten des Tales.

Klostergebäude sind ebenfalls einige neue entstanden bzw. wurden die während der Kulturrevolution zerstörten inzwischen wieder aufgebaut – umgeben von einer runden Mauer, die 108 kleine Stupas trägt. Durch ein großes Eingangstor betreten wir das weitläufige Klostergelände.

Wir kommen genau zur richtigen Zeit – die Versammlungshalle ist voll besetzt mit Mönchen, die an diesem besonderen Tag ihre Morgengebete abhalten. Es wird anläßlich des Geburtstag des Dalai Lama gefeiert. Wir lassen uns gefangen nehmen von der ganz besonderen Stimmung, die von jeder Puja ausgeht. Erst als diese beendet ist besuchen wir auch die oberen beiden Stockwerke des Klosters.

Der Rundgang um das zweite Stockwerk des Klostergebäudes bietet einen schönen Blick über das ganze Klostergelände und die Umgebung. Die vier verschiedenen farbigen Chorten - weiß, rot, schwarz und grün, die jeweils an den vier Ecken des Klosters stehen, gab es bereits 1992 - allerdings standen Sie seinerzeit fast ganz allein. 2006 gab es erste weitere Gebäude, die zum Kloster gehörten. Inzwischen ist innerhalb der Mauer eine regelrechte kleine Klosterstadt entstanden.

Lhasa ist schnell erreicht, auch wenn wir nur ein kleines Teilstück auf der neuen Autobahn fahren. Bei nächster Gelegenheit verlassen wir diese, überqueren noch einmal den Tsangpo, um der alten Straße an seinem Südufer zu folgen.

Ein wirkliches Highlight ist für uns in Lhasa unser Hotel, der Shambala Palace. Es liegt mitten in der Altstadt in Laufweite zum Jokhang Tempel und ist in einem traditionellen tibetischen Haus untergebracht. In diesem alten Haus mit seinen 24 Gästezimmern ist alles tibetisch! Trotzdem sind die Zimmer mit allen Annehmlichkeiten wie Wifi und einem hervorragenden Badezimmer ausgestattet.

Nachdem wir unsere tibetischen Zimmer bezogen haben bummeln wir noch ein wenig durch die lebhaften Altstadtgassen.

Den Abend lassen wir auf der Dachterasse unseres Hotels mit unverbauten Blick auf den Potala Palast ausklingen, der dann später in der Dunkelheit angestrahlt wird.

15. Tag: Lhasa - Potala und Ramoche Tempel

Da wir für den Besuch des Potala erst für 13.20 Uhr registriert sind holt uns Wangchuk um 11.20 Uhr ab. Der Aufstieg erfolgt über die Treppen auf der Vorderseite über viele anstrengenden Stufen und ist zeitlich wegen der vielen Besucher streng reglementiert. Durch drei verschiedene Eingangstore kann man unter Einhaltung eines strengen Zeitplanes das Innere des Potala Palastes erreichen. Das erste Tor kann man ca. 1,5 – 2 Stunden vor der registrierten Eintrittszeit passieren. Es erfolgt eine Ticket- und Passkontrolle. Auch das Gepäck wird durchleuchtet. Die Kontrolle ist ähnlich streng wie auf dem Flughafen.

Zwischen dem ersten und dem zweiten Tor kann man sich so lange aufhalten und fotografieren wie man möchte. Auf dieser Etappe hat man einen schönen Blick über Lhasa und sieht sogar die goldenen Dächer des Jokkhang Tempels.

Die Registrierung beim zweiten Tor muss dann allerdings zeitgenau erfolgten und man hat von hier aus eine halbe Stunde für den Aufstieg zum dritten Tor und dem Betreten des inneren Potala. Wer hier auch nur eine Minute zu spät kommt, dem wird der Eintritt verwehrt und das Eintrittsgeld ist verfallen.

Für die Besichtigung des Potala hat man genau vorgeschriebenen Wegen 60 Minuten Zeit. Nur lizensierte Guides dürfen Besucher in den Potala führen und sind dafür verantwortlich, dass dieses Zeitfenster auf das genaueste eingehalten wird. Ansonsten drohen sowohl dem Guide als auch der Agentur, die die Tickets gebucht hat, strenge Sanktionen. Entsprechend angespannt ist Wangchuk gegen Ende der Besuchszeit, aber wir bewältigen unseren Rundgang zeitgenau, wenn das bei den vielen Besuchern auch nicht ganz einfach ist. Dabei sagt uns Wangchuk, dass heute gar nicht so viele Besucher unterwegs sind – das hat er schon ganz anders erlebt.

Der Gang durch den altehrwürdigen Potala ist unglaublich beeindruckend und gibt einen kleinen Eindruck der Jahrhunderte alten Geschichte der Dalai Lama und Tibets. Durch die strenge Reglementierung, das Fotografierverbot innerhalb des Potala und die Masse an Menschen, die sich durch die vorgeschriebenen Gänge schieben, wird die Freude an dem Besuch allerdings wieder etwas getrübt. Wir verlassen den Potala Palast auf der Rückseite, wo unsere Fahrzeuge schon auf uns warten.

Den Remoche Tempel haben wir noch recht spontan auf unsere Besichtigungs-Wunschliste gesetzt, da er auch der „kleine Jokhang Tempel“ genannt wird und auf eine ähnlich lange und bewegte Geschichte zurückblicken kann wie der Jokhang Tempel selbst.

Allerdings wurde der Remoche Tempel während der Kulturrevolution stark zerstört und wiederaufgebaut, während der Jokhang Tempel die Kulturrevolution gottseidank einigermaßen unbeschadet überstanden hat – wie auch der Potala und der Kumbum Chorten in Gyantse.

16. Tag: Lhasa - die Altstadt

Beim Blick aus dem Fenster gibt es heute Morgen erst einmal eine Überraschung. Während es in der Stadt während der Nacht geregnet hat ist sind die Berge rund um Lhasa mit Schnee gepudert.

Inzwischen hat mich eine Erkältung ziemlich heftig erwischt und so pumpe ich mich am Morgen erst einmal mit Grippemitteln voll. Danach geht es ein klein wenig besser. Die Besichtigung der Großklöster Drepung und Sera mache ich allerdings trotzdem nicht mit. Da ich dort bereits 1992 und 2006 gewesen bin möchte ich die Zeit lieber anders nutzen. Ich mache einen ausbiebigen und sehr gemütlichen Bummel durch die Gassen rund um den Jokhang Tempel.

Gerne stelle ich mich auch einmal unbemerkt an eine Häuserecke auf dem Barkor, dem Pilgerweg um den Jokhang Tempel, um das eine oder andere interessante Foto zu schießen.

Am späten Nachmittag kehre ich nach einigen Irrungen und Wirrungen – ich habe mich in den engen Gassen der Altstadt verlaufen - zurück ins Hotel.

17. Tag: Lhasa und der Barkhor

Meine Erkältung hat mich immer noch fest im Griff. Ohne „Doping“ mit Grippemitteln läuft gar nichts. Deshalb klinke ich mich auch heute aus dem Besichtigungsprogramm aus. Der Jokhang Tempel steht auf dem Programm – auch den habe ich auf meinen vergangenen Reisen bereits zweimal besucht, so dass ich nicht das Gefühl habe etwas zu versäumen.

Erst später gehe ich ein letztes Mal ganz gemütlich zum Jokhang Tempel, um noch einmal ein wenig in das tibetische Leben einzutauchen. Hier, vor dem heiligsten Tempel in Tibet beten die Tibeter zu jeder Tageszeit inbrünstig durch Niederwerfungen.

Zu jeder Zeit des Tages sind hier die Tibeter betend und Gebetsmühlen drehend auf dem Pilgerweg rund um den Jokhang Tempel unterwegs.

Am Abend holt Migmar uns ab und lädt uns zu einem gemeinsamen Abendessen ein. Es gibt tibetischen „Hotpot“, eine wirklich leckere Spezialität.

18. Tag: Lhasa - Yamdrok Tso - Gyantse

Bye bye Lhasa! Einen letzten, ein wenig sehnsüchtigen Blick werfen wir noch von weitem auf den Potala. Trotzdem freuen wir uns nach drei Tagen wieder zu neuen Zielen aufzubrechen. Allerdings spielt uns erst mal das Wetter einen Streich. Die Wolken hängen tief und schwer über den Bergen und bewerfen uns immer wieder mit ihren Tropfen. Erst später, als wir Lhasa hinter uns gelassen haben und wieder auf den Yarlung Tsangpo treffen, dem wir eine Weile folgen, klart es zwischendurch mal ein wenig auf.

Ab jetzt geht es stetig bergauf. In langgezogenen Serpentinen windet sich die Straße auf den fast 5.000 m hohen Kamba La Pass mit tollem Blick zurück ins Yarlung Tsangpo Tal.

Nach etwa zwei Stunden Fahrt erreichen wir schließlich die Passhöhe des Kamba La. Was wir bei dem schlechten Wetter kaum zu hoffen gewagt haben – der Yamdrok See ist gut zu sehen, wenn er sich auch nicht in ganz so strahlendem Türkis zeigt. Die Eisriesen des Himalayas im Hintergrund versteckten sich allerdings hinter den Wolken.

Ein wenig hänge ich dem Bild in meinem Kopf nach vom Yamdrok Tso bei meinem Besuch 1992 - das einzige Mal, dass auch die schneebedeckten Eisriesen des Hiimalaya von hier aus sichtbar waren. Heutzutage ist die Passhöhe großzügig ausgebaut worden mit einer großen Aussichtsplattform und Parkplätzen, für die selbstverständlich eine Parkgebühr zu entrichten ist.

Wir folgen der Straße hinunter bis an den See und fahren an seinem Ufer entlang bis zu seinem westlichen Ende. Dann folgen wir lange Zeit einem Hochtal in westlicher Richtung auf Höhen zwischen 4.200 und 4.600 m. Schließlich gelangen wir auf unseren zweiten Pass für heute, den knapp über 5.000 m hohen Karo La mit seinem imposanten Gletscher.

Etwa 50 km vor Gyantse erreichen wir unseren dritten Pass für heute, den 4.700 m hohen Simila Pass. Von hier aus haben wir einen herrlichen Blick auf einen Stausee. Bei meinem Besuch 2006 waren teilweise die Bauarbeiten dafür noch in vollem Gange und der Stausee hatte nur wenig Wasser – jetzt bietet der See einen prächtigen Anblick zwischen den hoch aufragenden Felsen und Bergen.

Erst gegen sechs Uhr kommen wir in Gyantse an. Unser erster Gang gilt wieder dem Polizei-Checkpoint, wo Wangchuk uns registrieren lassen muss. Das Pelkor Chode Kloster und den Kumbum Chorten noch heute Abend zu besuchen, ist eine gute Entscheidung – es sind um diese Zeit nämlich kaum noch andere Touristen mehr unterwegs. So können wir uns das Kloster und den Kumbum Chorten in aller Ruhe anschauen. Inzwischen strahlt die Sonne von einem tiefblauen Himmel und taucht alles in ein unglaublich intensives Licht.

Da ich bereits 1992 und 2006 auf den prächtigen Kumbum Chorten hinaufgestiegen bin, bleibe ich zurück. Lieber will ich die Zeit nutzen, um weitere Fotos zu machen. Das Licht ist so intensiv und schön, dass das Fotografieren in einer wahren "Orgie" ausartet. Es ist der pure Genuss hier ganz in Ruhe unterwegs zu sein.

Mein sehnsichtiger Blick gilt dem Gyantse Fort, das hoch über der Stadt thront. Der Blick von dort oben über die Altstadt von Gyantse, den Kumbum Chorten und das Pelkor Chode Kloster müßte jetzt bei dem Licht ein Traum sein. Zu gerne wäre ich noch dort hoch gestiegen, aber dafür war es jetzt zu spät. Es bleiben mir die Bilder von 2006, als wir am frühen Morgen bei schönem Licht dort oben waren.

19. Tag: Gyantse - Shigatse

Bevor wir Gyantse in Richtung Shigatse verlassen schlendern wir noch durch die Altstadt. Es ist noch recht früh am morgen und die Straßen sind noch etwas verwaist. Einige der älteren Häuser der unteren Straßen scheinen inzwischen von ihren Bewohnern verlassen worden zu sein.

Aus einem Haus tönt das Klappern eines Webstuhls. Wir überlegen gerade neugierig hineinzugehen, da hat die Tibeterin uns auch schon entdeckt und winkt uns hinein. Sie zeigt uns sogleich voller Stolz Ihren hölzernen Webstuhl.  Hier webt sie ie Stoffbahnen für die traditionelle tibetische Damentracht, die als Schürze auch heute noch von den Tibeterinnen getragen wird. Von diesen Stoffbahnen werden drei aneinander genäht und die Ränder und Ecken verziert. Da können weder Gerti noch ich widerstehen und nehmen uns jeder eine mit.

Noch immer versprüht der alte Stadtteil von Gyantse zwischen dem Dzong und dem Kumbum Chorten noch seinen typischen tibetischen Charme. So hätte ich mir früher eine tibetische Kleinstadt vorgestellt – und viel mehr war Gyantse in seiner geschichtsträchtigen Vergangenheit ja auch nicht. Im hinteren Teil der Stadt, der sich den Berghang hinaufzieht, stehen einige neuere Häuser – jedes einzene jedoch in ganz traditionellem tibetischen Stil und sehr schön.

Das Wetter meint es heute anscheinend einigermaßen gut mit uns, denn die Sonne blinzelt wärmend durch die Wolken. Aus der Ferne werfen wir einen letzten Blick zurück auf den Gyantse Dzong, den Kumbum Chorten und die Klosteranlage von Pelkor Chode. Gyantse hat mir von den tibetischen Städten immer ganz besonders gefallen.

Es geht durch ein weitläufiges Hochtal, das fast ausschließlich für die Landwirtschaft genutzt wird. Unglaublich – Getreideanbau – meistens Gerste auf 4.000 m Höhe!

Kurz vor Shigatse ändert sich der Ausblick. Die kleinen tibetischen Dörfer weichen größeren chinesischen Gebäudekomplexen und Reihenhaussiedlungen. Schließlich fahren wir die letzten 20 Kilometer auf der Autobahn, die Lhasa mit Shigatse in knapp drei bis vier Stunden verbindet. Wir beziehen unser Zimmer im Manasarowar Hotel, das inzwischen etwas „in die Jahre“ gekommen, aber ansonsten soweit o.k. ist.

Dann geht es zum Mittagessen. Vom Restaurant aus können wir zu Fuß zum Kloster Tashi Lunpo gehen. Obwohl die Sonne noch vom Himmel strahlt vernehmen wir aus der Ferne Donnergrollen und düstere Wolken wabbern über die umliegenden Berge.

Unser erster Besuch gilt dem sehr bedeutungsvollen Maitreya Tempels innerhalb der weitläufigen Klosteranlage. Als wir wieder aus dem Tempel kommen schüttet es wie aus Eimern. Sofort verschließt ein junger Mönch das Eingangstor und verschwindet – niemand kann mehr hinein – wir aber auch nicht mehr hinaus. Das macht uns erst mal wenig aus, denn unter dem Überbau des Eingangstors stehen wir gut im Trockenen. Natürlich hat keiner von uns eine Regenjacke oder einen Schirm dabei.

Nach kurzer Zeit kommt der Mönch zurück mit einem riesigen Paket an Planen und Tüchern. Der Übergang vom Einangstor zum Tempel und der Eingangsbereich des Tempels werden sorgsam mit Plastikplanen abgedeckt – David und Yilmaz gehen ihm dabei tatkräftig zur Hand. Auf die Plastikplanen kommt eine Lage mit großen Laken, Tüchern und alten Teppichen. Wangchuk erklärt uns, dass der teilweise lehmgestampfte Boden bei den Wassermassen, die da vom Himmel stürzen, sehr schnell aufweichen und durch die vielen Besucher in Mitleidenschaft gezogen würde. Erst als alles sehr sorgsam abgedeckt ist und der Regen etwas nachgelassen hat, dürfen wir hinaus und draußen Wartenden hinein.

Einige weitere Tempel der Klosteranlage und die großen prächtigen Grab-Chorten der verstorbenen Panchen Lamas schauen wir uns im Schnelldurchgang an. Dabei eilen wir - so schnell wie es die Höhe von knapp 400 m eben zulässt - von einem Tempel zum anderen durch den strömenden Regen.

Schnellen Schrittes begeben wir uns dann zu unseren Fahrzeugen. Es geht direkt zurück zum Hotel. Der geplante Besuch des tibetischen Marktes ist bei dem Wetter nicht gerade verlockend.

20. Tag: Shegar - Rongbuk - Everest Basecamp - Shegar

Es dämmert gerade als wir aufbrechen. Nach dem gestrigen kürzesten Fahrtag unserer Reise folgt nun der längste mit etwa 400 km. Von Shigatse aus wollen wir über New Tingri das auch Shegar genannt wird, Rongbuk am Fuß des Mt. Everest erreichen und dann noch wieder zurückkehren nach Shegar. 

Nachdem wir Shigatse hinter uns gelassen haben folgen wir einem Hochtales in Richtung Westen. Die Sonne blinzelt gerade erst über die umliegenden Berge.

Hinter Lhatse wendet sich die Straße in Richtung Süden. Gleichzeitig beginnt die Auffahrt auf den knapp über 5.200 m hohen Lakpa La Pass. Je höher wir hinaufkommen desto mehr Schnee liegt. Die Straßen sind allerdings komplett schneefrei. Das Panorama um uns herum wird immer grandioser. Die Sicht vom Pass selbst ist eher unspektakulär.

Kurz hinter dem Pass bietet sich bei klarem Wetter ein herrlicher Weitblick über die verschiedenen kleineren Berggrate hinweg bis zu den dahinter liegenden schneebedeckten Eisriesen Heute sahen wir von dieser Pracht leider gar nichts. So träume ich im stillen ein wenig von der grandiosen Aussicht, die ich hier 2006 genießen durfte.

Nach 72 weiteren Kilometern erreichen wir Shegar. Der Ort zieht sich hauptsächlich entlang der Durchgangsstraße und wirkt ziemlich trostlos. Kurz hinter Shegar passieren wir einen Militär-Checkpost. Zum ersten Mal in der langen „Geschichte“ unserer Checkposts müssen wir persönlich mit unseren Reisepässen zur Kontrolle. Dadurch verlieren wir einiges an Zeit, denn die Schlange der Wartenden ist lang.

Nur wenige Kilometer hinter dem Checkpost biegen wir in Richtung Rongbuk und Mt. Everest ab. In unzähligen Serpentinen windet sich die Straße den Berghang hinauf bis auf den knapp über 5.200 m hohen Pang La Pass.

Bei klarem Wetter ist der Blick auf den Mt. Everet und die beiden weiteren 8.000er Cho Oyu und Lothse von hier oben und auf der weiteren Fahrt traumhaft. Doch das Verstecken der Eisriesen hinter Wolken ist auf unserer Reise anscheinend Programm – bisher haben wir auf den fast 3.000 km gefahrenen Kilometern keinen einzigen sehen können. Mit etwas Wehmut denke ich auch hier an das sehr viel bessere Wetter auf meiner letzten Reise.

Vom Pang La pass geht es hinab in das tief eingeschnittene weitläufige Tal, das auf ca. 4.000 m liegt. Diesem Tal folgt die inzwischen durchgehend geteerte Straße bis hinauf nach Rongbuk, das schon wieder auf knapp 5.000 m liegt. Etwa 20 km vor Rongbuk endet unsere Fahrt. Die weitere Strecke hinauf ist für Privatfahrzeuge gesperrt. Für alle Besucher heißt es nun in staatliche E-Busse umsteigen, die regelmäßig zwischen dieser Talstation und Rongbuk verkehren. 

Etwa 20 Minuten dauert diese Fahrt. Das ehemaligeTouristen-Basecamp, das noch einige Kilometer hinter Rongbuk und näher am Everet lag und in dem es zahlreiche Unterkunftszelte gab, ist nun hierher nach Rongbuk verlegt worden. Sie stehen dicht an dicht gleich neben dem Klostergästehauses. Gleichzeitig ist dies der Haltepunkt für die E-Busse. Etwa 200 m kann man noch über Rongbuk hinaus in Richtung Mt. Everest gehen, der sich allerdings immer noch komplett in Wolken hüllt. Um Dir trotzdem zu zeigen, wie schön es hier oben bei klarem Wetter ist, habe ich Dir noch ein Foto von meiner Reise 2006 eingefügt.

Auf der Rückfahrt machen wir Halt in einem kleinen Dorf. Inzwischen meint es das Wetter etwas besser mit uns.

Die Wolken sind nicht mehr ganz so dicht und so finden die Sonnenstrahlen immer wieder ihren Weg und zaubern ein unglaubliches Spiel von Licht und Schatten über den Landschaft und macht jeden Meter unserer Fahrt zu einem wahren Genuss, auch wenn der Mt. Everest sich nur mit seinem unteren Drittel zeigt.. Bis zum Schluss hoffen wir, dass wir den Mt. Everest vom Pang La aus vielleicht doch noch sehen können, denn es ist ein klein wenig klarer geworden. Tatsächlich zeigt sich das untere Drittel schemenhaft – mehr aber auch nicht.

Die tiefstehende Abendsonne blinzelt durch das eine oder andere Wolkenloch und taucht die faszinierende Berglandschaft in intensive Farben. Das Spiel von Licht und Schatten macht uns sprachlos vor Staunen.

21. Tag: Shegar - Peiku Tso - Kyirong

Unsere letzte größere Fahretappe auf unserer Tibet-Reise! Noch einmal liegen ca. 280 km vor uns. Von New Tingri geht es zunächst auf einer Hochebene in Richtung Westen. Dabei sind wir ununterbrochen in Höhen zwischen 4.200 und 4.400 m unterwegs. Ganz vereinzelt blinzeln einige schneebedeckte Berge durch die Wolkenlöcher, aber die ganz Großen zeigen sich auch heute nicht. Von Old Tingri aus hätten wir noch den Mt. Everest sehen können und später den Sishapangma.

Trotzdem ist jeder Meter Fahrt ein Genuss. Das Spiel von Licht und Schatten und die intensiven Farben über der Hochebene und den umgebenden Bergen versetzt uns auch nach fast 3.000 Fahrkilometern immer noch in Begeisterung.

Wir passieren kleine tibetische Dörfer, die irgendwo im Nirgendwo in der Weite des Hochplateus liegen und irgendwo in diesem scheinbaren Nirgendwo ist ein Hirte mit seinen Ziegen unterwegs.

Eine kleine Herde Kiangs, tibetische Wildeseln, kreuzt unseren Weg. Die sind leider heutzutage selbst in den Weiten des tibetischen Hochplateaus sehr selten geworden.

Schließlich erreichen wir den Hochgebirgssee Peiku Tso, der mit all seiner Pracht auf einer Höhe von 4.300 m liegt. Kurz hinter dem See windet sich die Straße über einen Bergzug bis auf einen knapp über 5.200 m hohen Pass. Das Panorama auf einige schneebedeckte Berge ist grandios, aber in Richtung Süden zu den Eisriesen des Langtang-Gebirges in Nepal sieht das Wetter gar nicht gut aus. 

Vom Pass aus geht es die nächsten Stunden in ständigem bergab in Richtung Süden. Hinter der Kleinstadt Zongba verengt sich die weite Landschaft zu einem engen Flusstal. Der Trisuli-Fluss wird zu unserem neuen Begleiter. Die kargen Berghänge scheinen immer mehr in den Himmel zu wachsen.

Nach einiger Zeit wird es langsam immer grüner bis die Vegetation richgig üppig wird. Die Landschaft erinnert jetzt eher an den Schwarzwald oder die Schweiz. Schließlich erreichen wir Kyirong. Die kleine Stadt macht einen recht gepflegten Eindruck und bietet viele Einkaufs- und Einkehrmöglichkeiten. Ansonsten ist sie eben eine Grenzstadt für den Durchgangsverkehr jeder Art.  Wangchuk hat das Geelong Hotel für uns ausgewählt und das ist für diese abgelegene Gegend erstaunlich gut.

22. Tag: Kyirong - Rasuwa Ghadi - Kathmandu - die längsten 180 km der Welt!

Da der chinesische Grenzposten erst um zehn Uhr öffnet fahren wir um neun Uhr los. Es sind etwa 20 km, die uns auf einer neu gebauten Straße steil bergab führen. Von einer Höhe von ca. 2.900 m in Ort Kyirong geht es zum gleichnamigen Grenzposten auf einer Höhe von ca. 2.500 m.

Die Straße windet sich entlang des linken Berghanges und führt durch ein tief eingeschnittenes Tal. Der Trisuli-Fluss, dem wir bereits gestern gefolgt, sind rauscht tief unter uns. Nur an einigen wenigen Stellen reicht der Blick bis tief hinunter auf den wild brodelnden Fluss.

Das regenreiche nepalesische Monsunklima ist hier bereits deutlich spürbar. Es ist feuchtwarm und die kräftige Vegetation hat einen teilweise dichten Baumbestand an den Berghängen hervorgebracht. Das alles erinnert sehr an den seinerzeitigen Grenzübergang in Zhangmu.

Der Grenzübergang in Zhangmu

bzw. die sehr abenteueerliche Straße dorthin wurde durch das Erdbeben am 25. Arpil 1995 unpassierbar. Fast zweieinhalb Jahre hatte es danach in dieser Region keine Überlandgrenze zwischen Tibet und Nepal für Touristen gegeben. Die Flüge zwischen Lhasa und Kathmandu waren die einzige Verbindung zwischen den beiden Ländern.

Der neue Grenzübergang in Kyirong

(auch Gyirong oder chinesisch Jilong) wurde am 31. August 2017 eröffnet. Auf tibetischer Seite zeigen die Chinesen mit einem gewaltigen und durchaus imposanten Grenzgebäude eine deutliche Präsenz.

Als wir um halb zehn dort ankommen ist die Schlange der Wartenden vor dem Eingang des Grenzgebäudes bereits erschreckend lang. Wangchuk beruhigt uns – das sieht hier oft ganz anders aus – insbesondere wenn große indische Gruppen auf ihre Ausreise nach Nepal warten. Diese Gruppen sind oft bis zu 60 oder 70 Teilnehmer stark und das kann dann dauern.

Mit der Öffnung um zehn Uhr verschwindet schon mal gleich ein Großteil der Wartenden im Grenzgebäude. Es dauert kaum zehn Minuten so befinden wir uns auch schon innerhalb des Gebäudes. Zunächst wird das Gepäck durchleuchtet. Ganz offensichtlich wird intensiv nach Büchern gesucht. Deshalb geht es plötzlich entsprechend langsam voran und wir sehen von weitem, das das eine oder andere Buch beschlagnahmt wird.

Auch ich werde recht nachdrücklich gefragt, ob ich ein Buch dabei habe – nein habe ich nicht – habe ich auch wirklich nicht. Ich muss das Gepäck öffnen. Eine Grenzbeamtin schaut ziemlich genau nach – findet kein Buch. Ob ich wirklich kein Buch dabei habe – nein, wirklich nicht. Sie schaut noch einmal auf dem gescannten Bild und lokalisiert dann das vermeintliche Buch etwas genauer.

Schließlich scheinen meine beiden in Yanjing gekauften Salzpakete, die nebeneinander platt gedrückt zwischen meinen Kleidungspacktaschen liegen, die „Übeltäter“ zu sein. Offensichtlich hat das Salz eine größere Dichte, so dass es auf dem Durchleuchter wie ein Buch aussieht. Das Durchsuchen der weiteren Gepäckstücke können die Mitreisenden dann mit dem Hinweis auf das Salz abwenden.

Gegen halb zwölf haben wir die Ausreise aus China endlich alle geschafft. Wir gehören mit zu den letzten aus der langen Schlange. Draußen wartet schon ein „Border-Guide“, der von der Freunden in Kathmandu für uns engagiert wurde.

Die Grenzstation Rasuwa Ghadhi auf nepalesischer Seite

ist auch jetzt nach zweieinhalb Jahren noch mehr wie behelfsmäßig. Etwa 100 m unterhalb des chinesischen Grenzgebäudes gibt es einen einfachen Unterstand für die allgemeine Gepäckkontrolle. Mangels eines Durchleuchtungsgerätes wird jedes Gepäckstück von nepalesischen Grenzbeamten von Hand geöffnet und durchsucht. Dementsprechend langwierig gestaltet sich das alles.

Die Einreiseformalitäten finden dann etwa 1 km talabwärts statt. Die Straße, die dorthin führt verdient den Namen nicht. Es handelt sich um eine rauhe Piste, die jetzt durch die intensiven Regenfälle während der Monsunzeit total aufgeweicht ist. Die vielen LKW’s, die hier auf die Grenzabfertigung in Richtung China warten, haben tiefe Spurrillen ausgefahren. Es herrscht ein ziemliches Chaos.

Wir erfahren, dass es weiter unten einen Erdrutsch gegeben hat, so dass unsere beiden 4WD-Jeeps nicht bis hierher kommen können. Bei den vielen LKW’s hätte es aber sowieso kaum ein Durchkommen gegeben.

Naja, den einen Kilometer bis zur nepalesischen Grenzstation - das werden wir mit dem Gepäck schon schaffen. Gottseidank sind die meisten Gepäckstücke rollbar. Auf dem trockenen und fest getretenen Fußpfad neben der Piste kommen wir recht gut voran.

Die Einreiseformalitäten sind schnell und unbürokratisch – ein paar Eingaben am Visum-Terminal, ein Foto mit einer Webcam, 30 USD oder Euro Visumgebühr zusammen mit dem Reisepass abgeben und kaum eine Viertelstunde später halten wir unseren Pass inclusive des Visums wieder in den Händen.

Von Rasuwa Ghadi Richtung Jeeps

Gegen zwölf Uhr sind die Einreiseformalitäten erledigt und wir sind aufbruchbereit. Einer der Fahrer unserer Jeeps, Dorji Sherpa, ist bis hier herauf gekommen. Er spricht ein wenig Englisch. Angeblich sind es ca. zwei bis drei Kilometer bis zu den Jeeps. Unser Border-Guide engagiert für uns einen Träger und eine Trägerin, die uns mit unserem Gepäck behilflich sind und dann gehen wir los.

Das gestaltet sich allerding erheblich schwieriger als gedacht! Die LKW’s stehen bis weit das Tal hinunter dicht an dicht auf der gesamten Strecke. An einigen Stellen ist der Fußpfad am Pistenrand stark ausgesetzt oder von LKW’s zugestellt. Immer wieder müssen wir auf die matschige Lehmpiste ausweichen, was dann jedes Mal in einer ziemlichen Schlammschlacht ausartet.

Das feuchtwarme Wetter tut ein Übriges. Aus der Höhe in Tibet kommend sind wir alle viel zu warm angezogen. Aber wir kämpfen uns tapfer weiter bis unser Fahrer uns unseren ersten Jeep von weitem zeigt. Noch einen halben Kilometer und es ist geschafft. Inzwischen zeigt Gregors MapsMe an, dass inzwischen aus den zwei bis drei Kilometern sechseinhalb geworden sind. Kein Wunder, dass wir älteren ganz schön „fertig“ sind.

Gerne bezahlen wir unseren beiden Trägern den für Nepal recht hohen Preis von 10 USD pro Gepäckstück. Für die beiden ist das ein sehr guter Verdienst – sie haben sich aber auch ziemlich plagen müssen - und uns ist das Tragen wirklich jeden einzelnen Cent wert. Mit unserem Gepäck wäre der Weg für uns drei Älteren zur echten Tortour geworden.

Die Fahrt beginnt!

Inzwischen ist es kurz nach drei Uhr am Nachmittag – gottseidank nur nach chinesischer Zeit. In Nepal gehen die Uhren nicht nur zeitmäßig anders. Wir gewinnen 2 ¼ Stunden – somit sind es jetzt gerade einmal ein Uhr. Es besteht also noch Hoffnung, dass wir nicht allzu spät am Abend in Kathmandu ankommen.

Von den zwei Jeeps ist für die Fahrt nach Kathmandu leider nur einer einsetzbar – der zweite Jeep verliert heftig Öl. So wird das Gepäck auf den Dachgepäckträger des einen verladen und gut mit Planen abgedeckt und verzurrt. Wir sechs finden auf zwei Rückbänken und dem Beifahrersitz Platz – das ist für uns schon ganz o.k.!

Nach knapp einer Stunde Fahrt erreichen wir Syabrubesi auf 2.380 m, einen der Ausgangsorte für Trekkingtouren in das Langtang-Gebiet. Deshalb gibt es hier eine recht gute touristische Infrastruktur. Wir nutzen die Gelegenheit, um uns noch einmal für die lange Fahrt in einem Restaurant zu stärken. Die Speisekarte ist wirklich beachtlich und die bestellten Mahlzeiten sind es auch.

Die kurvenreiche Bergpiste zieht sich von Syabrubesi fast 65 Kilometer entlang des östlichen Berghanges des tief eingeschnittenen Trisuli-Tales. Durch den vielen Regen ist die fast durchgängig aufgeweicht und von den zahlreichen Trucks tief ausgefahren. Wir kommen nur sehr langsam voran.

Der mit Abstand größte Teil der Strecke ist nicht bzw. nicht mehr asphaltiert. Als ich 2014 hier unterwegs war, war die Straße noch fast durchgehend geteert. Das Fahren mit einem kleinen Minivan war überhaupt kein Problem. Inzwischen ist der Asphalt wohl den vielen Monsunregenfällen und der extremen Beanspruchung durch die vielen Trucks zum Opfer gefallen.

Bei Gegenverkehr ist das aneinander Vorbeifahren manches Mal eine echte Herausforderung. Alle Achtung vor Dorji Sherpa! Er meistert jede Schwierigkeit mit viel Ruhe und noch viel mehr Geschick. Schon nach kurzer Zeit ist klar – er ist ein wirklich guter und versierter Fahrer, so dass wir uns trotz aller Widrigkeiten einigermaßen beruhigt zurücklehnen können.

Von Hindernissen und anderen Widrigkeiten

Vor einem etwas steileren Pistenabschnitt geht es nicht weiter. Ein Pickup hat sich festgefahren – es geht nicht mehr vorwärts und nicht mehr rückwärts. Da ein Passieren an der schmalen steilen Stelle nicht möglich, hat sich bereits eine lange Schlange von Fahrzeugen gebildet.

Nach einiger Zeit hat jemand den Baggerfahrer ausfindig gemacht, der zu dem Bagger am Straßenrand gehört. Die gestauten Fahrzeuge werden mühsam in Zentimeterarbeit Stück für Stück umgeparkt bis der Bagger bis zum Pickup vordringen und ihn aus seiner misslichen Lage befreien kann. Anschließend ebnet er die tiefen Spurrillen noch ein wenig ein und nach über einer Stunde ist die Stelle erst mal wieder passierbar.

Dorje Sherpa hat unseren Jeep in strategisch äußerst günstiger Position abgestellt und so gehören wir zu den ersten, die die schwierige Stelle passieren können bevor die schweren Trucks wieder dieselben tiefen Spurrillen ausgefahren haben.

Gegen acht Uhr – inzwischen ist es stockfinster und es regnet in Strömen – erreichen wir Trisuli Bazar im Tiefland. Von hier aus sind es noch 80 km bis nach Kathmandu. Unser Fahrer benötigt erst einmal dringend eine Pause. Kein Wunder - er ist jetzt sechs Stunden fast ohne Unterbrechnung auf der schwierigen Strecke gefahren und braucht dringend etwas zu essen. Eigentlich haben wir keinen Hunger – wollen nur noch weiter – wollen endlich nach Kathmandu. Aber schließlich bestellen wir uns doch ein schmackhaftes nepalesisches Thali und genießen es, für eine kleine Weile mal nicht durchgerüttelt und geschüttelt zu werden.

Die Straße ist nun wieder asphaltiert und so hoffen wir jetzt am späten Abend auf ein recht zügiges Vorankommen ohne viel Verkehr. Aber heute scheint sich alles gegen uns verschworen zu haben. Der Verkehr in das Kathmandu-Tal hinein und aus dem Kathmandu-Tal heraus ist so groß, das wir nur im Stop-and-Go-Verfahren die letzten 50 Kilometer über den westlichen Pass voran kommen.

Es beginnt gerade die Zeit des Dashain-Festes. Das hat für die Hindus dieselbe Bedeutung wie für uns das Weihnachtsfest. Das Fest ist mit zwei Wochen Ferien verbunden und so nutzen viele Nepalesen die Gelegenheit ihre Familien zu besuchen – dadurch dieser unglaubliche Verkehr…

23. Tag: Kathmandu

Wenn es uns jemand vorher gesagt hätte – wir hätten es nicht geglaubt! Am nächsten Morgen um 6.15 Uhr kommen wir im Nirwana Garden Hotel in Kathmandu an. Insgesamt sind wir jetzt von der Abfahrt in Kyirong am gestrigen Morgen bis nach Kathmandu 24 Stunden unterwegs – für sage und schreibe gerade einmal 180 km.

Unsere größter Dank gilt aber Dorji Sherpa. Er hat fast übermenschliches geleistet und uns sicher durch all die Widrigkeiten dieser unglaublichen Fahrt gebracht. Entsprechend großzügig fällg unser Trinkgeld aus – das hat er sich wirklich verdient.

Wir ziehen uns erst mal auf unsere Zimmer zurück, um noch ein paar Stunden Schlaf zu ergattern. Nach einem späten Frühstück lassen wir es erst mal ruhig angehen. Mein Tag vergeht mit viel Muße. Da ich Kathmandu von meinen vielen Nepal-Besuchen sehr gut kenne, bummele ich ein wenig durch den Thamel und besuche die nepalesischen Freunde, die unsere Tour mit organisiert haben.

Am Abend sind wir alle bei ihnen zuhause zum Abendessen eingeladen. In einem gemütlichen Cafe lassen wir den Tag ausklingen.

24.-25. Tag: Rückreise Kathmandu - Bangkok - Frankfurt

Im Vergleich zu dem, was wir von Kyirong bis nach Kathmandu hinter uns gebracht haben ist der Rückflug nach Deutschland geradezu ein „Klacks“. In fast derselben Zeit fliegen wir einmal um den halben Globus.

Der Thai Airways-Flug von Kathmandu nach Bangkok startet nahezu pünktlich gegen 13.45 Uhr und wir genießen noch einmal die letzten Blicke auf Kathmandu. Unter uns liegen Bodnath und Swayambunath bevor unser Flieger in den Wolken entschwindet.

Der Weiterflug von Bangkok nach Frankfurt ist 15 Minuten verspätet – ansonsten läuft alles glatt und so landen wir am Sonntagmorgen gegen 6.30 Uhr bereits in Frankfurt nach einer unglaublich erlebnisreichen und interessanten Reise! 

 

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